Musik aus, Rentsch redet

Die doch eigentlich gute Arbeit von Wirtschafts- und Kultusministerium besser verkaufen zu wollen, so lautete bekanntlich die Begründung für den Tausch sagen wir mal vorsichtig älterer FDP-Minister gegen jüngere FDP-Minister (-innen natürlich auch, das muss man heutzutage politisch korrekt betonen). Tatsächlich wird jetzt tüchtig verkauft, vor allem im Wirtschaftsressort läuft die PR-Maschinerie auf Hochtouren, Minister Florian Rentsch ist offenbar der reinste Tausendsassa. Rentsch trifft, Rentsch stellt vor, Rentsch schreibt, Rentsch besucht, Rentsch zu irgendwas und sonstnochwas so beginnen die Betreffzeilen einer wahren Flut von Mitteilungen, die uns erreichen. Ich persönlich warte noch auf Rentsch isst zu Mittag, aber auch eine der Rentsch-besucht-Meldungen ist ein wahrer Paukenschlag: „Rentsch besucht Diskothek“.

Ja, soll er doch, ist ja auch erst 37 Jahre alt, der Jungminister, viel Spaß beim Abzappeln! Aber denkste, von wegen Tanzen, im Gegenteil, für den Besuch des Ministers am Freitag in der Wiesbadener Disco Gestüt Renz wird die Musik abgestellt. Warum? Weil der Minister ein Statement (neudeutsch für Erklärung, d. Red.) abgeben will, heißt es in der Einladung.

Erklären will der Minister dem jungen Partyvolk, für wie besorgniserregend er die Erhöhung der GEMA-Gebühren hält, die unter anderem für Discos, Clubs und Kneipen das Abspielen von Musik verteuern würde: Für viele Betriebe und Arbeitsplätze ist es fünf vor zwölf, warnt Rentsch. Und deshalb, bitte festhalten, kommt Rentsch laut minutiösem Zeitplan um 23.20 Uhr ins Renz und gibt um 23.55 Uhr sein Statement ab. Diese Symbolik haut mich um.

Jetzt aber mal eine kurze Rückblende. Ich, und Sie auch, liebe Leser (und -innen natürlich), stellen uns mal vor, wir hätten damals mit 18 oder 20 in der Disse oder im Tanzlokal gestanden, die Musik wäre abgedreht worden und ein Politiker hätte uns vollgetextet. Wie hätten wir wohl reagiert?

Dies auszumalen oder gar in Worte zu fassen, erspare ich uns jetzt allen. Der Minister will aber ganz offensichtlich nah bei die Leit, wie ein mit ihm verfeindeter bärtiger Ministerpräsident auf der anderen Rheinseite gerne sagt. Für die Abschaffung des Rübensprits E 10 ist Rentsch ja jetzt plötzlich auch.

Wenn er den Disco-Besuch unbeschadet übersteht, geht Rentsch dann Ende Oktober auf China-Reise. Nein, jetzt kommt nicht der Kalauer mit dem Sack Reis, trotzdem sorge ich mich, ob das gutgeht. Der letzte hessische Politiker, der nach China gereist ist, war SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel, und der musste sich im Nachgang als „energiepolitischer Wichtigtuer“ von der CDU beschimpfen lassen. Wenn das bloß gutgeht . . .

Fernost ist überhaupt gerade im Trend. CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier fliegt bereits Anfang Oktober nach Vietnam und Südkorea. Aber es wird auch umgekehrt gereist: 30 Thailänder in der Frankfurter Frauen-Haftanstalt, meldet das Justizministerium. Jetzt frage ich mich bloß, sind die Männergefängnisse in Hessen denn alle voll?

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 22. August 2012

 

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