Die Du-Frage

Endlich ist sie weg, die doofe Praxisgebühr! Was ein Glück, Patienten und den zum Inkasso verdonnerten Ärzten ist das Leben im komplizierten Gesundheitswesen wenigstens ein Stück weit erleichtert. Die FDP klopft sich ordentlich auf die Schulter; der Wähler wird es hoffentlich würdigen, so das blau-gelbe Kalkül.

Aber war es wirklich die FDP, die doch zuvor lange beim Koalitionspartner CDU im Bund mit der Abschaffung der Praxis-Maut abgeblitzt war?

Ich habe keine Mühen gescheut, recherchiert, Akten gewälzt und Archive durchstöbert, um Ihnen, liebe Leser, den wahren Wegräumer zu präsentieren und an dieser Stelle zu würdigen: Der hessische Sozialminister Stefan Grüttner wars. Das ganze Jahr über hat sich der CDU-Mann gegen seine Kanzlerin gestellt und sich schließlich durchgesetzt.

Wie, glauben Sie nicht? Dann bitte: „Rekordreserven der gesetzlichen Krankenversicherung sinnvoll nutzen durch Abschaffung der Praxisgebühr“, forderte der Offenbacher am 7. März und legte eine Woche später nach: „Sozialminister Stefan Grüttner fordert Abschaffung der Praxisgebühr.“ Die Kanzlerin blieb hart.

„Sozialminister Stefan Grüttner fordert erneut Abschaffung der Praxisgebühr“, erscholl es am 11. April nochmals aus Wiesbaden. Eine neuerliche Mahnung am 22. und 23. Mai: „Sozialminister Stefan Grüttner für Abschaffung der Praxisgebühr.“ Jetzt fing die Kanzlerin langsam an zu wackeln. Der Rest ist seit Montag bekannt.

Zu würdigen gilt es außerdem noch einen weiteren Mann. Den Landtagspräsidenten Norbert Kartmann. Der CDU-Politiker erhielt einen Orden mit einem beeindruckenden Namen: Das Kreuz der heiligen Brâncoveanu-Märtyrer der Rumänischen Orthodoxen Metropolie. Weil der Titel schon so lang ist, fasse ich Ihnen, liebe Leser, die ebenfalls lange Lobesrede kurz zusammen: Weil er ein so guter Christ ist.

Ganz und gar unwürdig hingegen das Verhalten von Volker Hoff, ehemaliger CDU-Europaminister Hessens, eher bekannt als Tankstellen-Spezl aus der Jungunionisten-Gruppe um Roland Koch. Das Landgericht Wiesbaden verurteilte ihn und seinen ehemaligen Geschäftspartner wegen „leichtfertiger Geldwäsche“ zuungunsten eines Wiesbadener Werbeunternehmens. Dessen früherer Chef hatte dort 35 Millionen Euro eingesackt und wurde bereits wegen Untreue zu elf Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es nun als erwiesen an, dass Hoff und sein Ex-Kompagnon ein Teil der Millionen durch ihre Firma geschleust haben. Dafür gab es keinen Orden, sondern ein Urteil über zweieinhalb Millionen Euro Schadensersatz.

Haben Sie es gemerkt, liebe Leser, ich habe Sie mehrmals im Text direkt angesprochen. Und dabei gesiezt, wie sich das in einem ehrwürdigen Medium wie der gedruckten Zeitung wohl auch geziemt. Aber wie ist das im flippigen Internet? Du oder Sie?

Die hessische CDU wollte es jetzt ganz genau wissen, und ließ auf ihrer Seite beim Online-Netzwerk Facebook darüber abstimmen, ob die dort Registrierten gesiezt oder geduzt werden wollen. Eigentlich keine Frage, oder? Bei Facebook sind doch vermeintlich alle „Freunde“, also müsste der Satz von Kanzlerin Merkel gesagt auf der Fuldaer CDU-Regionalkonferenz gelten: „Unter Parteifreunden kann man sich auch mal mit Du ansprechen.“

Denkste, so leicht ist das in Hessen nicht. „Wir sind doch keine Sozis“, lauteten beispielsweise empörte Kommentare, oder „Generelles Duzen ist Sozi-Niveau“ – in Anspielung an das unter Sozialdemokraten übliche „Du“.

Letztlich dominierten aber die Duz-Maschinen, knapp zwei Drittel der gut 90 Votierenden stimmten für die formlose Anrede.

Die Linken-Fraktion kann darüber nur den Kopf schütteln: „CDU, Du spinnst!“

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 7. November 2012

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