Die Vorleser

Die Dame hat er aber wirklich auf dem Kieker! Kaum haben die Grünen Katrin Göring-Eckardt zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl gekürt, kommt aus Hessen die apodiktische Aufforderung Göring-Eckardt müsse das Amt als Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands aufgeben. Der Ruf stammt natürlich vom erzkonservativen CDU-Fraktionschef Christean Wagner, der offensichtlich damit hadert, dass auch Grüne Christen und nicht nur verzottelte Atheisten sein können.

Der Dienst an 25 Millionen evangelischen Christen in unserem Land lasse sich nicht mit ihrem parteipolitischen Amt angesichts des anstehenden Bundestagswahlkampfs vereinbaren, räsoniert Wagner. Frau Göring-Eckardt solle die notwendigen Konsequenzen ziehen und dieses wichtige Kirchenamt nicht beschädigen. Ob Wagner wohl in gleicher Konsequenz sein Amt als Mitglied des Lutherischen Senats der EKD aufgeben oder seinen Parteifreund Norbert Kartmann auffordern wird, aus der Landessynode der EKHN auszuscheiden?

Wohl kaum. Und warum auch? Parteipolitisches und Kirchenamt müssen sich doch nicht ausschließen und zwar nicht nur bei Politikern aus der Partei mit dem großen C im Namen.

Nein, Wagner passt wohl Göring-Eckardt per se an der Spitze seiner Kirche nicht. Schon im vergangenen Jahr suchte er den Händel mit der Dame. Weil sich manche Grüne in Frankfurt zustimmend zu einer Aufhebung des strikten Tanzverbots an Osterfeiertagen geäußert hatten, forderte er sie per offenem Brief auf, als Präses und zugleich grüne Bundestagsabgeordnete diesbezüglich Stellung zu nehmen. Allein die Dame antwortete nicht. Unverschämtheit!

Aber dieses Mal gehe ich fest davon aus, dass sie nach dem neuerlichen Ordnungsruf Wagners unverzüglich ihr Kirchenamt aufgeben und sich nicht erneut in Schweigen hüllen wird!

Ganz gewiss nicht schweigen werden die unzähligen Minister, Staatssekretäre und Landtagsabgeordneten, die in diesen Tagen Hessens Kitas und Schulen heimsuchen. Schließlich sollen sie vorlesen – es ist mal wieder Vorlesetag! Erster Vorleser Volker Bouffier kommt am Freitag in den katholischen Kindergarten St. Michael in Flörsheim. Wenn er denn kommt. Im vergangenen Jahr wollte der Ministerpräsident genau dort schon mal die Freude am Buch vermitteln. Kurz nach der Eröffnung der neuen Landebahn waren die Flörsheimer jedoch wegen der Flieger in 250 Meter Höhe über ihren Köpfen in wildem Aufruhr, und Bouffier sagte den Termin lieber ab. Hoffentlich ist am Freitag Westbetrieb am Flughafen, sonst verstehen ihn die Kinder gar nicht.

Auffällig viele Schauergeschichten sind zum Vorlesen im Gepäck. Sigrid Erfurth von den Grünen liest „Die kleine Hexe“, ihre Fraktionskollegin Ellen Enslin „Gruselspuk für Erstleser“. Justizminister Jörg-Uwe Hahn von der FDP hat „Cornelia Funke erzählt von Bücherfressern, Dachbodengespenstern und anderen Helden“ dabei. Ist es eigentlich statthaft, dass ausgerechnet der CDU-Finanzpolitiker und künftige Bank-Chef Gottfried Milde den „Räuber Hotzenplotz“ liest?

Und dann haben wir noch „Grimms Heimat Nordhessen erzählt neues Märchen über Calden“. Halt, jetzt habe ich mich verzettelt. Das wird nicht in der Schule vorgelesen, sondern die Grünen verweisen damit die Prognosen zu Flug- und Passagierzahlen am Flughafen Kassel-Calden ins Märchenreich.

Liest eigentlich auch ein Politiker in Calden vor?

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 16. November 2012

 

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