An den Hörnern gepackt

Eine Kuh hat Hörner. Und Kälbchen Hörnchen. Normalerweise, möchte man meinen. Aber auch hier zeigt sich mal wieder, dass das wahre Leben und vor allem die Politik viel komplizierter sind, als man gemeinhin glaubt.

Denn viele Kälbchen haben offenbar gar keine Hörnchen. Nicht weil sie verstrahlte Missgeburten, geboren in der Nähe des Atommeilers Biblis, wären. Nein, weil die Bauern ihnen die Hörner absäbeln. Enthornung heißt der Fachbegriff, wie uns Umweltministerin Priska Hinz mitteilt. Und dieser gruselig klingende Prozess soll nun nach dem Willen der Ministerin künftig „schmerz- und stressfrei“ ablaufen.

Generell sind Eingriffe laut Tierschutzgesetz ohne Betäubung nicht zulässig – es sei denn, das Kalb ist jünger als sechs Wochen, dann gilt das Gesetz noch nicht. Warum auch immer.

Aber dank Hinz wird nun alles besser. Ministerin, Landwirte und Tierärzte haben vereinbart, dass den Tieren vor dem Eingriff Schmerzmittel und Eisspray verabreicht werden und schon ist alles gut. Die Enthornung quasi als Schönheits-OP. Wobei die ja wohl auch sehr schmerzhaft sein kann, schaut man sich die Gesichter der Patienten an . . .

Eigentlich würde Ministerin Hinz den Kälbern den Kopfschmuck am liebsten lassen, „ich mache daraus keinen Hehl“. Sie ist ja immerhin von den Grünen. Aber sie habe eben auch Verständnis für die Forderung der Landwirte, die „bei der derzeit gängigen Stallhaltung“ von den Kälbern nicht auf die Hörner genommen werden wollen.

Derzeit gängige Stallhaltung – also nicht Bio-Landwirtschaft, oder was? Darauf lässt Hinz ihre Parteifreundin Ursula Hammann von der Grünen-Landtagsfraktion hinweisen. „Sehr erfolgreich wirtschaftende Betriebe“ in der ökologischen Tierhaltung, die Rindern ihre Hörner lassen, seien ein gutes Beispiel, dass es auch anders geht.

Noch besser wäre natürlich der Veggie Day das ganze Jahr über, dann bräuchte man gar keine Rinder zu halten.

Dass sie sich mal ordentlich die Hörner abstoßen wollen, argwöhnt die Polizei mit Blick auf die Blockupy-Demonstranten, die zur EZB-Eröffnung nach Frankfurt kommen wollen. Gab ja in der Vergangenheit schon mal Krawalle und deshalb hat die hessische Polizei offensichtlich groß eingekauft: 13 500 Pfefferspray-Dosen, wie der Linken-Abgeordnete Hermann Schaus beklagt. Den Einsatz von Pfefferspray gegen Demonstranten lehne seine Fraktion „kategorisch“ ab, räsoniert Schaus, dies könne „gravierende gesundheitliche Folgen für die Betroffenen“ haben.

Kleines ärztliches Konsilium: Vielleicht helfen Schmerzmittel und Eisspray wie bei anderen Hornochsen?

Auf die Hörner genommen hat auch der FDP-Abgeordnete Jürgen Lenders eine Werbekampagne von Hessen Mobil, der zentralen Straßenverkehrsbehörde des Landes. Die hatte Ein-Gramm-Tütchen Salz an Autobahnraststätten und in den Kantinen der Landesbetriebe verteilt und damit auf ihre Winterdienstaktivitäten hingewiesen. Und um Verständnis für den teils kritisch gesehenen Einsatz von Streusalz geworben.

„Wie viele solcher Salztüten braucht Hessen Mobil im Jahr um ganz Hessen frei von Schnee und Eis zu halten“, wollte Lenders also mittels einer kleinen Anfrage vom zuständigen Verkehrsminister Tarek Al-Wazir wissen. Der konterte die Verballhornung ganz frostig: Die Ein-Gramm-Salztüte sei hierfür kein Maßstab, aber dank computergesteuerter Streutechnik genüge ein Teelöffel Salz, um einen Quadratmeter Straße eisfrei zu halten.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 04. März 2015

 

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