Warum kann denn ein Führer eigentlich nicht einfach Führer heißen? Wie? Äh, ja okay, ich ziehe die Frage zurück. Ist arg belastet der Ausdruck, dazu nachher in anderer Angelegenheit mehr.
Aber wie sagt man denn nun politisch korrekt zu jemandem, der einen durch ein Museum geleitet? Die Kunstinstitutionen bieten ganz selbstverständlich Führungen an, aber ist der Führende dann auch ein Führer? Ganz konsequent umgeht diese Frage die Documenta in Kassel, bei der es selbstverständlich keine Führer und auch keine Museumsführer gibt, obwohl sich die Schau gerne „Museum der 100 Tage“ nennt.
Nein, dieser Ausdruck und überhaupt diese Funktion sind selbstverständlich viel zu profan für die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Während mich vor fünf Jahren ein „Worldly Companion“ geleitet hat, also eine weltgewandte Begleiterin, tat dies bei meinem Besuch der laufenden Documenta 14 in der vergangenen Woche ein „Chorist“.
Der Chorist erklärt nun keinesfalls singend die ausgestellten Kunstgegenstände, vielmehr sollen der Chorist und die Besucher beim Gedankenaustausch über die Objekte einen vielstimmigen Chor bilden, so lerne ich. Sie biete keine Führung, sondern einen Spaziergang, erklärt eine junge Choristin einige Meter weiter den Teilnehmern ihrer Gruppe. Der Besucher solle kein Konsument sein, sondern durch seine Beiträge selbst Teil der Documenta werden.
Aha. Also ich habe mit meinem Choristen regen Gedankenaustausch gepflegt, und damit bin ich ja dann jetzt wohl auch ein Teil der Documenta – konsequent weitergedacht ein Kunstwerk!
Selbst zu einem solchen geworden zu sein, war mir aber irgendwie zu theoretisch, deshalb habe ich ein echtes Kunstwerk erworben: Eine Flasche Bier.
Ja, lachen Sie nicht, liebe Leser, eine Flasche Bier! Gemäß der offiziellen Werkliste der Documenta 14 ist das Schwarzbier namens „Sufferhead Original“ des Nigerianers Emeka Ogboh ein lupenreines Kunstwerk. Auflage: 50.000. Mit Kasseler Stadthonig und nigerianischen Chilis gebraut, soll es die Erfahrung afrikanischer Einwanderer in Europa reflektieren. Überzeugt?
Dass nicht immer und überall die Gedanken frei getauscht werden können, zeigt auf beeindruckende Weise der „Parthenon of Books“. Das riesige, der Akropolis in Athen nachempfundene Tempelgebäude aus Metallstangen ist mit tausenden Büchern verkleidet, die irgendwann mal irgendwo verboten waren. Auch Goethe, der große Sohn der Stadt Frankfurt, ist mit seinen „Leiden des jungen Werther“ in dieser illustren Galerie vertreten, ebenso wie die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm, die diese in ihrer Kasseler Zeit zusammenstellten. Selbst Mickey-Maus- und Donald-Duck-Hefte hängen in dieser Sammlung!
Wie die verbotenen Bücher regen auch andere Kunstwerke vollkommen verbohrte Vollpfosten auf: Auf dem Kasseler Königsplatz steht ein 16 Meter hoher Obelisk aus grauem Beton, mit dem Bibelzitat „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ in Goldschrift in vier Sprachen verziert. Die Stadt Kassel erwägt nun, dieses Documenta-Werk des Künstlers Olu Oguibe dauerhaft zu erwerben, was jetzt einen dortigen AfD-Stadtverordneten dazu veranlasste, das Werk als „entstellte Kunst“ zu bezeichnen. „Entartet“ hat er sich wohl gerade noch so verkniffen.
Unfassbar. Und ich überlege, ob ich Museumsführer sagen darf …