Witz und Politik

Ist doch kaum zu glauben, was Forscher so alles erforschen! Jetzt hat der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler für die Otto-Brenner-Stiftung in Frankfurt eine 100-seitige Studie mit dem Titel „Quatsch oder Aufklärung? Witz und Politik in ,heute-show‘ und Co.“ verfasst. Kein Quatsch. „Verblüffend“ viel Politik hat er in den drei untersuchten Sendungen „heute-show“, „Die Anstalt“ und „extra 3“ entdeckt. In der „heute-show“ hat er sogar für den Untersuchungszeitraum erstes Halbjahr 2016 exakt nachgezählt, welcher Politiker wie oft auf die Schippe genommen wurde.

Die Top 3 überraschen jetzt nicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel (51 mal), der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel (25) und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (23). Und unsere hessischen Spitzenpolitiker?

Also, wer seine Bedeutung anhand der Zahl der Verulkungen in derlei Sendungen misst, der muss jetzt ganz stark sein: Die hiesigen Politgrößen spielen schlicht keine Rolle in der deutschen TV-Politsatire! Lediglich Ministerpräsident Volker Bouffier schaffte es der Studie zufolge ein einziges Mal in die „heute-show“.

Sonst keiner. Das ist eigentlich ein Super-GAU in Sachen Publicity. Denken Sie nur an das Politiker-Derblecken beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg: Noch schlimmer, als sich von den dortigen Kabarettisten aufs Korn nehmen zu lassen, ist es, überhaupt nicht erwähnt zu werden.

Fazit also, liebe landespolitisch Interessierten, sehen Sie nicht so viel fern, lesen Sie lieber unsere Zeitung! Hier schauen und klopfen wir den Politikern auf die Finger, die Sie aus Hessen kennen. Zum Beispiel Holger Bellino und Hermann Schaus. Der erste von der CDU, der zweite von den Linken. Sie haben viel gemeinsam, beide sind Parlamentarische Geschäftsführer ihrer Landtagsfraktionen, beide wohnen nur wenige Meter von einander entfernt in Neu-Anspach und doch trennen sie Welten. Deshalb griff Hermann Schaus am Freitagabend beherzt zu, als sich ihm die Chance bot, Bellino zu attackieren. Aus einer Bürgerversammlung in der Taunus-Stadt heraus twitterte Schaus „MdL Bellino #CDU bezeichnet die Bundesverfassungsrichter in Buergerversammlung als ,rot gewandete Burkatraeger. Unterste Schublade!!!“ Drei Ausrufezeichen, höchste Empörungsstufe also.

„Ein etwas misslungener Scherz“, räumt Bellino auf Nachfrage ein, aber eben genau das, ein Scherz, wie auch Sitzungsteilnehmer bestätigen, kein ernstgemeinter Angriff auf die Robenträger aus Karlsruhe. Die ja bekanntlich zwar einen roten Hut tragen, aber keinen roten Ganzkörperschleier.

Es ging an dem Abend gerade um Vorwürfe aus der Bürgerschaft, die Politik müsse besser über ihre Arbeit informieren. Und da rege er sich eben darüber auf, dass das Bundesverfassungsgericht auch vor Wahlen das Einwerfen von Parteiprogrammen und -listen in Briefkästen verboten habe, sofern darauf ein Aufkleber „Bitte keine Werbung“ prange, bekennt Bellino. „Da wird die erste Gewalt im Staat mit dem Schweinenacken aus der Discounterwerbung gleichgesetzt!“

Damit wiederum kennt sich Schaus aus. Jürgen Walter und die drei anderen SPD-Abweichler, die Andrea Ypsilanti seinerzeit die Gefolgschaft für ein Bündnis mit den Linken verweigerten, hatte er als „politische Schweine“ bezeichnet. Drei Ausrufezeichen.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 5. Oktober 2016

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