Streik, Strom, Wahnwitz

Streik, Streik, Streik – gefühlt überall wird ja derzeit gestreikt. 8000 Kita-Mitarbeiter aus ganz Hessen versammelten sich gestern in Gießen zur Großkundgebung in ihrem Kampf um mehr Geld und Anerkennung, rund 3400 Postbeschäftigte haben seit voriger Woche in Hessen die Arbeit niedergelegt wie die Gewerkschaft Ver.di meldet, und GDL-Chef Weselsky treibt seine Lokführer auch schon wieder auf die Barrikaden.

Immerhin eine Berufsgruppe droht nicht mit Arbeitskampf und geht weiter ihrer ehrenwerten Beschäftigung nach.

Für mehr Lohn natürlich, aber ohne Streik. Und das in einer wahren Schlüsselbranche, vor allem wo jetzt die Sonne immer öfter scheint: Die rund 3000 Beschäftigten der Brauereien in Hessen und Rheinland-Pfalz erhalten mehr Geld. Und zwar 4,9 Prozent. Also so viel wie ein anständiges Pils normalerweise hat.

In Bayern bekommen die Brauer sicherlich noch viel mehr Geld, dort ist die gesellschaftliche Stellung der Brauer ja bekanntlich sakrosankt. Die brauchen dort nicht für mehr Anerkennung auf die Straße zu gehen wie die hiesigen Erzieher.

Ob nun der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer zuvor zu kräftig vom Bier seiner bajuwarischen Brauer getrunken hat, als er über zu ändernde Stromtrassen schwadronierte, weiß ich nicht. Ist ja auch eher eine Schnapsidee.

Er braucht den Strom in Bayern, will aber keine Leitung dafür durch sein Land legen lassen. Also soll die Suedlink-Trasse Seehofers Meinung nach lieber durch Hessen und Baden-Württemberg verlaufen und dann bei Ulm unvermeidlicherweise doch noch einige Meter über heiligen bayerischen Boden nach Gundremmingen führen. Und wenn zwischen Ulm und Gundremmingen auch noch ein paar seiner Landsleute gegen die notwendigen Strommasten sind, wird der Strom eben per WLAN zum dortigen „Netzverknüpfungspunkt“ gesendet.

Denn das Fähnchen im Wind ist Seehofers Strategie. Atomkraft ist seit Fukushima tabu, also will Seehofer sie nicht, Windräder wollen aber auch viele Menschen nicht vor ihrer Haustür, also auch Seehofer nicht. Dann stehen die „Windkraftmonster“ – so lange Jahre der Schimpfname der hessischen CDU – eben in Schleswig-Holstein. Aber die notwendigen Stromleitungen von Nord nach Süd will auch keiner haben, Seehofer selbstverständlich auch nicht. Und nun? Strom nur aus Kuhscheiße im Bayernland?

Haben Sie den Sturm der Entrüstung über Seehofers Abschiebeversuche verfolgt? So einig waren sich Hessens Politiker schon lange nicht mehr. Und überboten sich geradezu in ihrer schrillen Empörung. Von einer „Dreistigkeit“ sprach Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, von „Unverschämtheiten aus München“, ein „wahnwitziger Vorschlag ohne auch nur den Hauch einer Realisierungschance“. „Abenteuerlich“ legte Al-Wazirs Parteifreundin Angela Dorn von der Grünen-Landtagsfraktion nach.

Als „absurd“ kanzelte SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel Seehofers Pläne ab, „die neuerliche Volte der CSU beim Thema Suedlink grenzt schon an Irrsinn“.

Auch FDP-Fraktionschef Florian Rentsch sprach von „wahnwitzigen Plänen“. Der Vorschlag sei blanker Populismus. Wobei Seehofer und Rentsch eigentlich eines eint: Beide wollen sie die Suedlink-Trasse im Grunde überhaupt nicht. Seehofer, weil er eben Seehofer ist, die hiesige FDP, weil sie von ihren einst im hessischen Energiegipfel mitgetragenen Vereinbarungen heute nichts mehr wissen will.

Und was sagt Ministerpräsident Volker Bouffier zu alledem? „Egal, was in Bayern gedacht, geredet oder geschrieben wird, es wird keine Verlagerung der Trassenführung gegen die hessischen Interessen geben.“

Sonst streikt auch er.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 20. Mai 2015

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