Häufig lautet ja im Falle eines gescheiterten Politikers eine mögliche Einschätzung, er sei über etwas gestolpert. Im Falle von Patrick Burghardt muss es wohl heißen, er ist in etwas hineingefallen – und dann davon verschlungen worden: in das Millionenloch in der Bilanz des Hessentags in Rüsselsheim nämlich. Zwar hatte CDU-Oberbürgermeister Burghardt nach dem Ende des Landesfests im Sommer noch „zehn großartige Tage“ bejubelt und ein „neues Wir-Gefühl“ in der Stadt ausgemacht, aber dann folgte das unvermeidliche dicke Minus für die Stadtkasse: Vermutlich 2,7 Millionen Euro, die genaue Abrechnung steht noch aus. Weil das Zahlenwerk vor der OB-Wahl am 24. September nicht hatte präsentiert werden sollen, mutmaßte manch einer in Rüsselsheim, denn in der zuständigen Staatskanzlei in Wiesbaden residieren Ministerpräsident Volker Bouffier und sein Statthalter Axel Wintermeyer. Beides Christdemokraten, die ihrem Parteifreund sicherlich ein noch höheres Minus vor der Abstimmung ersparen wollten, so der Verdacht.
Noch verdächtiger erschien SPD-Generalsekretärin Nancy Faeser, dass ausgerechnet wenige Tage vor der Stichwahl am vergangenen Sonntag die Staatskanzlei erklärte, sich bis zur Hälfte an den höheren Sicherheitskosten des Landesfests zu beteiligen. Und dies übrigens immer noch, ohne eine konkrete Summe des angelaufenen Defizits zu nennen …
„Eine offensichtliche Wahlkampfhilfe für einen in der Bredouille befindlichen Oberbürgermeister aus den eigenen Reihen“ schimpfte Faeser. Man müsse schon an viele Zufälle glauben, wenn die CDU-geführte Landesregierung ein paar Tage vor der Stichwahl den dortigen Parteifreund mit einer Zusage der Kostenübernahme in Millionenhöhe für die Sicherheit auf den Hessentag beglücke. Was gemäß des imaginären Nachschlagewerks „Politik – Deutsch“ übersetzt so viel heißt wie: Faeser glaubt an den Zufall ganz ausdrücklich nicht. Die CDU habe wohl nicht damit gerechnet, dass ihr Bewerber sich einer Stichwahl stellen müsse und deshalb versucht, „mit dem Millionengeschenk bewusst in den demokratischen Prozess einzugreifen“. Dieses Manöver sei durchschaubar und plump, urteilt Faeser.
Die Rüsselsheimer ließen nun aber bekanntlich diesen Eingriff in den demokratischen Prozess nicht zu, wählten Burghardts in der Opel-Stadt weithin unbekannten Herausforderer Udo Bausch zum neuen Rathauschef und schlossen Burghardt damit ausdrücklich aus dem vermeintlichen „neuen Wir-Gefühl“ in der Stadt aus: Wir, aber ohne dich! Sozusagen.
Über Oberbürgermeister und Millionenlöcher nach Großveranstaltungen in Hessen ließe sich ja beinahe schon eine Serie schreiben. Auch in Kassel muss sich OB Christian Geselle nämlich mit einem siebenstelligen Documenta-Defizit herumschlagen. Dessen Vorteil allerdings gegenüber Burghardt: Das Minus tauchte erst nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister (im Juli) auf und deshalb hat Geselle eigentlich auch nicht wirklich was damit zu tun. Anders als Burghardt: Der hatte seinen Rüsselsheimern anfänglich einen kostendeckenden Hessentag versprochen.
Außerdem ist Geselle nicht von der CDU, sondern von der SPD.
Hm, naja, soweit dies momentan überhaupt ein Vorteil sein kann …
Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 11. September 2017