Wunder, oh Wunder

Ja, da hat er sich gewundert, der Herr Staatssekretär: Mit Verwunderung also habe Regierungssprecher Michael Bußer auf die Kritik des Steuerzahlerbundes am Hessentag reagiert, meldet die Staatskanzlei. Das größte und traditionsreichste Landesfest in Deutschland leiste für die ausrichtenden Städte doch einen unschätzbaren Beitrag für das Gemeinschaftsgefühl und die Identifikation mit der Stadt.

Sehr wohl schätzbar, nein sogar exakt quantifizierbar, ist hingegen das jährliche Defizit in der Kasse der Ausrichterstädte. Die Kommunen erleben nämlich regelmäßig bei der Endabrechnung ihr blaues Wunder: 2012 zum Beispiel 4,8 Millionen Miese in Wetzlar, 2011 3,5 Millionen in Oberursel, 2010 5,9 Millionen in Stadtallendorf, 2009 3,6 Millionen in Langenselbold und so weiter und so fort.

Dass sich Bußer nun über die Schelte des Steuerzahlerbunds gewundert hat, ist wiederum gleichfalls verwunderlich, denn der Verein mit Sitz in Wiesbaden kritisiert eigentlich jedes Jahr die Dimensionen der Zehn-Tage-Sause. Das Fest koste das Land jährlich zwischen 15 und 20 Millionen Euro. Das sei zu viel, „für uns ist der Hessentag in dieser Form überflüssig“, urteilte dieser Tage dessen Haushaltreferent Clemens Knobloch.

Angesichts des von Bußer dagegengestellten Arguments, der Hessentag sei immer hervorragend besucht, akzeptiert und angenommen, die Abstimmung mit den Füßen zeige dies jedes Jahr, geraten die Steuerwächter mit solch ketzerischen Aussagen schnell in den Verdacht der Nestbeschmutzung. Das ficht Knobloch jedoch nicht an: Verkleinern und weniger oft, fordert er kompromisslos.

In der Tat sind zehn Tage am Stück – und das jedes Jahr – republikweit einzigartig und deshalb durchaus mal des Nachdenkens wert. Das gerade von Hessen sonst in der Diskussion um den Länderfinanzausgleich gerne der Verschwendungssucht geziehene Nachbarland Rheinland-Pfalz feiert beispielsweise nur drei Tage lang, andere Länder nur alle zwei Jahre.

Unter anderem die Toten Hosen, Peter Maffay oder Die Ärzte in diesem Jahr, Bryan Adams, Deep Purple, Pink, Bon Jovi, Aerosmith, Grönemeyer, Udo Jürgens oder die Fantastischen Vier (nur eine kleine Auswahl!) in den Vorjahren – warum sich das Land Hessen quasi als Konzertveranstalter alljährlich mit den größten Namen des nationalen und internationalen Musikgeschäfts schmücken muss, ist nun wirklich nicht schlüssig. „Durch Konzerte von Stars bin ich kein besserer Hesse“, hat auch Knobloch vom Steuerzahlerbund festgestellt.

Fast ebenso gut besucht wie die Rock- und Popkonzerte sind auf dem Hessentag stets die öffentlichen Fraktionssitzungen der im Landtag vertretenen Parteien. Okay, okay, sind sie nicht, ein kleines Späßchen muss sein. Um dieses Großereignis aufzupeppen, hat sich SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel gestern in Kassel sogar etwas ganz und gar Raffiniertes ausgedacht: Er präsentierte zu diesem Anlass gleich zwei neue Gesichter seines Schattenkabinetts beziehungsweise – der Mann glaubt noch an Wunder – seiner Mannschaft für den Wahlsieg.

„Inhaltslose PR-Show“ nennt CDU-Generalsekretär Peter Beuth die häppchenweise Präsentation der erhofften SPD-Minister, und argwöhnt, übermorgen werde noch Andrea Ypsilanti präsentiert. Wer weiß, wer weiß, zuweilen geschehen ja tatsächlich noch Zeichen und Wunder. Beuth und seine CDU nähme dies dagegen gar nicht wunder, warnt er doch bis heute: „Schäfer-Gümbel bleibt Marionette von Ypsilanti.“

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 19. Juni 2013

 

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