Noch nicht zurückgetreten?

Ja, ist denn überhaupt noch irgendwer im Amt? Ständig Rücktritte, wohin man schaut seit zwei Wochen. Zunächst warf Thomas Schaaf am 26. Mai den Bettel bei Eintracht Frankfurt hin und verkündete, er wolle dort nicht mehr Trainer sein. Er vermisse die Rückendeckung von Teilen des Aufsichtsrats. Von Teilen, wohl gemerkt. Also hielt ein anderer Teil auch zu ihm. Das ist konsequent, der Mann hat Rückgrat.

Ganz anders als FIFA-Chef Sepp Blatter. Der hatte trotz unzähliger Skandale in seinem Laden nie genug Rückgrat um zurückzutreten. Erst als er Angst bekam, dass ihm das FBI wegen all der krummen Dinger bei der Fédération Internationale de Football Association auf den Fersen ist, gab er am 2. Juni auf. Vergangenen Freitag verkündete dann Günther Jauch, er wolle seine gleichnamige Quasselrunde sonntagabends in der ARD nicht mehr weiter moderieren. „Aus privaten und beruflichen Gründen“, so die lapidare Begründung. Vielleicht auch, weil böse Zungen gerne mal behaupteten, oft moderiere nicht er, sondern dominante Gäste.

Und dann am Sonntag der Doppel- oder wohl eher Tripleschlag: In Frankfurt erklärte das Deutsche-Bank Führungsduo Anshu Jain und Jürgen Fitschen seinen Rücktritt, in Bielefeld Bundestags-Fraktionschef Gregor Gysi seinen Amtsverzicht auf dem Linken-Parteitag.

Ach, wenn doch nur alle Linken so wären! Hierzulande klebt ein gewisser Ulrich Wilken hartnäckig am honorigen Amt des Landtagsvizepräsidenten, obwohl ihm alle Fraktionen außer der seinigen und der Ältestenrat im Landtag das Misstrauen ausgesprochen haben. Weil er sich als Mitveranstalter der ausgearteten Blockupy-Proteste in Frankfurt einfach nicht glasklar von gewalttätigen Demonstranten distanzieren kann, sondern immer noch ein „Ja, aber“ zur verdrucksten Rechtfertigung der Randalierer hinterherschieben muss.

Aber Gewalt ist bei den Linken ja ohnehin nicht gleich Gewalt. Während Wilken die Krawalle in Frankfurt am 18. März mit den Worten „die Auswirkungen der gewalttätigen Politik sind am Ort der EZB angekommen“ relativiert, jammert Willi van Ooyen wie jedes Jahr über die Präsenz der Bundeswehr auf dem Hessentag. Er beklagt die „Zurschaustellung von Kriegsgerät bei einem großen Volksfest“. Nun, von den Bundeswehrsoldaten hat man jetzt nicht gehört, dass sie Polizeiautos angezündet, Fensterscheiben eingeschlagen und Straßenbahn-Haltestellen zertrümmert hätten.

„Bei einem zehntägigen Hessentag mit Hubschraubern, Panzerlafetten und großem Bühnenprogramm und Feldküche der Bundeswehr könne man keine hessische Identität stiften“, so der Fraktionsvorsitzende der Linken-Fraktion im Landtag. Doch, Herr van Ooyen, die Bundeswehr mit Kasernen in Hessen hat als Parlamentsarmee genauso ihre Berechtigung auf dem Hessentag wie die Linken mit ihrer „Öffentlichen Fraktionssitzung“! Außerdem schlägt er vor, angesichts des erneuten Millionendefizits in Hofgeismar den Hessentag zu verkürzen. Da findet er sicher viel Zustimmung: Der Bund der Steuerzahler verlangt das genauso wie inzwischen die FDP und die Grünen –  Letztere allerdings bevor sie mit der CDU koalierten.

Also sind die Grünen jetzt ruhig, denn der Union ist der Hessentag sakrosankt – auch in dieser Länge. Wie sagte doch Volker Bouffier am Sonntag: „Der Hessentag sucht in Deutschland seinesgleichen. Wir haben das größte und aus meiner Sicht auch das schönste Landesfest.“ Zack, Diskussion beendet. Genau wie das „Märchenhafte Landesfest in der Dornröschenstadt“ (Bouffier) nach zehn Tagen.

Und damit fällt Hofgeismar zurück in den Dornröschenschlaf.

Auch so eine Art Rücktritt.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 10. Juni 2015

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