Krokodilstränen

Die Landtagsabgeordneten der SPD hatten vergangene Woche Dienstag so eine Art Betriebsausflug. Nur hieß das Ganze „Praxistag“ und die Genossen sollten auf Geheiß ihres Fraktionsvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel in diversen Chemieunternehmen in Hessen „mit anpacken“, also wirklich arbeiten . Allein sechs von ihnen zog es zur Firma B. Braun in Melsungen, weshalb ich vorige Woche an dieser Stelle die Hoffnung kundtat, dass sich der dort als Mitglied der Geschäftsleitung tätige FDP-Landesvorsitzende Stefan Ruppert eine ordentliche Schufterei für die Sozis ausgedacht haben möge.

Hat nicht ganz geklappt. „Leider konnte ich krankheitsbedingt keinen Einfluss darauf nehmen, dass die SPD-Politiker tatsächlich mit ,angepackt‘ haben“, schrieb mir Ruppert daraufhin, „aber ich werde auf jeden Fall ein Auge auf die Quartalszahlen haben und Sie auf dem Laufenden halten“. Ja, da sollte sich doch wohl was bewegt haben, wenn die Mitglieder der Arbeiterpartei „angepackt“ haben, oder? Erinnern wir uns an die schöne Liedzeile „Wir steigern das Bruttosozialprodukt“! Die Kapelle hieß glaub’ ich Gümbelsturzflug.

Die Sozis waren auf jeden Fall so berauscht vom Arbeiten, dass sie nach zweitägiger Erholung dann am Freitag extra zu einer Pressekonferenz einluden, um ihre „wertvollen Erfahrungen und Einblicke“ mitzuteilen.

„Ein durchweg wirklich gutes Erlebnis“, so Vorarbeiter Schäfer-Gümbel, das „neben der körperlich anstrengenden Arbeit“ auch wichtige Berichte aus dem Arbeitsalltag erbracht habe. Fortsetzung soll folgen: „Wir werden in der Zukunft auch in anderen Branchen mit am Fließband, am Computer oder am Schalter, in der Produktion und in der Abwicklung stehen und mit anfassen.“ Na, dann viel Erfolg. Und immer die Quartalszahlen im Blick behalten!

Ganz besonders viel Arbeit hat derzeit der Genosse Timon Gremmels. Der „energiepolitische Sprecher“ der SPD-Fraktion muss nämlich ständig alle CDU-Mandatsträger observieren, ob sie nicht Negatives zum Windrad-Bau absondern. Und da wird er dauernd fündig! Auf jeden Fall hat Gremmels schon vor zwei Wochen „falsches Spiel der hessischen CDU beim Windkraftausbau“ aufgedeckt: „Bei der Debatte im Hessischen Landtag gab es tosenden Beifall zur Windkraft-Passage bei der Regierungserklärung von Tarek Al-Wazir aus den Reihen der CDU. Einen Tag später kommen die Querschüsse des CDU-Bundestagsabgeordneten Helmut Heiderich, der von einem ,Kniefall vor der Windkraft Lobby‘ spricht“, beklagt Gremmels. Das hat er tatsächlich so gesagt, der Heiderich, nachdem Al-Wazir von den Grünen eine Verdreifachung der Windkraftleistung in Hessen binnen fünf Jahren angekündigt hatte.

Einige Tage später hat Gremmels dann den ersten Landtagsabgeordneten der Union mit „erneuter CDU-Doppelstrategie bei der Windkraft“ erwischt: Hans-Jürgen Irmer, „immerhin kein Hinterbänkler der CDU-Fraktion, sondern stellvertretender Vorsitzender“, wie Gremmels weiß. „Während der Regierungserklärung von Energieminister Al-Wazir klatschte die CDU demonstrativ Beifall für den Ausbau der Windenergie. Einige Tage später kritisiert Herr Irmer vor Ort den Ausbau der Windkraft und spricht von einer Entschleunigung der Energiewende“, berichtet uns Gremmels.

Und gestern dann hat der energiepolitische Detektiv der SPD den ganz großen Fang gemacht: „Erstmals agieren zwei Regierungsmitglieder (!) in ihrem CDU-Kreisverband gegen Windkraft.“ Gemeint sind Innenminister Peter Beuth und Wissenschaftsstaatssekretär Ingmar Jung, Vorstandsmitglieder der Rheingau-Taunus-Union. Der Kreisverband habe „einstimmig“ – wie Gremmels extra betont – beschlossen, die Mindestabstände von Windrädern zu Wohnhäusern von 1000 auf 2000 Meter zu erhöhen. „Ausgerechnet am Tag der Regierungserklärung von Minister Al-Wazir zur Energiewende“, fasse der CDU-Kreisverband einen Beschluss, der gegen den schwarz-grünen Koalitionsvertrag verstoße, barmt Gremmels.

Krokodilstränen vergießen nennt man so etwas wohl . . .

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 30. Juli 2014

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