Im Schmerz geboren

Haben Sie den Tatort des Hessischen Rundfunks am Sonntagabend gesehen? Großartig! Haben Sie auch das aufgeregte Gebrabbel in Sachen Eigenlob auf allen HR-Hörfunkwellen den ganzen Montag über gehört? Nervig! Was sagen die Berufs- und Hobbyschwätzer auf Facebook, Twitter etc.? Und was sagt der Literaturwissenschaftler, den der HR extra zum Sehen und Bewerten seiner Produktion angeheuert hat? Gähn!

Was aber nichts daran ändert, dass „Im Schmerz geboren“ mit Kommissar Felix Murot schlicht genial war. Allein die Szene, wie der großartig gespielte Bösewicht auf dem Hof von „Bosco’s Garage“ aus dem Taxi steigt und unfassbar cool allein vor seinem Widersacher und dessen Haufen vierschrötiger Verbrechertypen steht – und dieses Licht dazu! Wie schafft man es bloß, das biedere Wiesbaden in ein solches Licht zu tauchen, das einen sofort in finstere Wüstenkäffer versetzt, wie sie sonst die Kultregisseure Robert Rodriguez oder David Lynch in „Wild at Heart“ in der Hitze des amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiets entstehen lassen?

Das Quasi-Duell zu Beginn am Bahnhof zitierte in brillanter Form die Edel-Western „Zwölf Uhr Mittag“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“. Die Geschichte um die Dreiecksbeziehung zwischen dem künftigen Verbrecher, dem künftigen Polizisten und der Schönen hatte Klasse, eine Hommage an „Jules und Jim“. Der große Shootout zwischen Gangstern und Polizei – ausgerechnet vor dem Wiesbadener Kurhaus! – mit eingefrorenen Szenen spritzenden Blutes wie in „Sin City“. Untermalt mit klassischer Musik vom hr-Sinfonieorchester. Auch wenn ich grundsätzlich nicht finde, dass mit Rundfunkgebühren ein Orchester unterhalten werden muss – für diesen Einsatz hat sich das Geld gelohnt. Wie ich überhaupt nach dem Sonntagabend zumindest für den Oktober gerne meine 17,98 Euro Rundfunkbeitrag zahle, oder wie die Zwangsabgabe jetzt heißt.

Und ein solch einzigartiges Spektakel ausgerechnet im Hessischen Rundfunk! Dem Sender, der sonst mit ganz besonders betulichem Programm auffällt. Hessens schönste Burgen, Berge, Lieder, Melodien oder was weiß ich was… Was dann überdies noch manipuliert ist, wie wir zwischenzeitlich erfahren haben. Der Tatort-Titel „Im Schmerz geboren“ lässt sich da trefflich auf die verfälschten Ranking-Shows übertragen.

So, jetzt mal Schluss mit den Lobeshymnen auf den Tatort, kommen wir zur Landespolitik, die Sie ja sonst an dieser Stelle gewohnt sind. Da wir gerade beim Fernsehen sind, schauen wir doch einfach mal weiter auf den Bildschirm und klicken uns in den sogenannten Livestream aus dem Landtag, den der Radiosender FFH auf seiner Internetseite überträgt. Ohne Rundfunkbeitrag.

Zu sehen war dort gestern Nachmittag Wissenschaftsminister Boris Rhein, der sich durch seine Regierungserklärung zur Hochschulpolitik mühte. Ja, ist jetzt natürlich schwer, nach einem Irrsinns-Tatort mit so einer drögen Darbietung zu punkten. Ob Rhein, den seine Subalternen gerne auch als „Kunst- und Kulturminister“ verkaufen, auch den künstlerisch so wertvollen Tatort gesehen hat?

Der k. u. k.-Titel für den Minister, der zu früheren, glorreichen Zeiten Österreichs für „kaiserlich und königlich“ stand, ist übrigens falsch. Rheins Ressort heißt „Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst“, von Kultur keine Rede. Der „Kulturminister“ ist also eher so etwas wie der ominöse „Dr. h.c.“

Einen solchen Ehrendoktor trägt übrigens Rheins Vorvorgänger Udo Corts. Verliehen von der Hanoi Law University, weil er in seiner Zeit als Minister bei der Gründung der vietnamesisch-deutschen Universität in Ho-Chi-Minh-Stadt geholfen hat. Also, eigentlich nur seine Arbeit getan hat . . .

Ach, wissen Sie was, mir reicht’s heute mit der Landespolitik. Ich ziehe mir in der ARD-Mediathek nochmal den Tatort rein, hab’ ja schließlich dafür bezahlt.

„Im Schmerz geboren“, mit Genuss geschaut.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 15. Oktober 2014

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