Grünkäppchen und der Wolf

Es waren einmal drei Wölfe, die kamen nach Hessen. Jetzt sind sie alle tot. Ja, und damit könnte die Geschichte auch schon zu Ende erzählt sein. Zwischendurch und danach ist aber noch so viel passiert, dass die Fabel um die Isegrimms durchaus noch ein paar mehr Zeilen verdient hat.

Zunächst mal zur Zeitschiene. Die drei Wölfe wanderten nicht gemeinsam als Wolfsrudel ein, sondern nach und nach, einer nach dem anderen. Der erste Wolf der neuzeitlichen hessischen Geschichte, sprich nach der endgültigen Ausrottung der zähnefletschenden Spezies vor einigen Jahrzehnten hierzulande und in ganz Deutschland, versuchte sein Glück erstmal im abgeschiedenen Nordhessen. Und weil er sich im Reinhardswald tummelte, hatte er sich bald den niedlichen Namen „Reinhard“ eingefangen. Und wohl auch eine Krankheit, denn im Jahr 2011 fand man den armen Wolf tot auf. Todesursache ungeklärt.

Den nächsten Wolf fand man auch tot – doch die Umstände waren weitaus dramatischer! Mangels eines eigenen Namen lief das Tier unter dem unpersönlichen Titel „Gießener Wolf“ durch Mittelhessen. Aber dann kam es knüppeldicke. Zunächst wurde der Graupelz dort von einem Auto angefahren und am Hinterlauf verletzt.

Vom derart ungastlichen Hessen verschreckt, verkrümelte sich der Wolf in den Westerwald. Aber auch in Rheinland-Pfalz erging es ihm nicht besser: Er wurde 2012 erschossen. Ein 71-Jähriger, Jäger und Waldpächter, hat den Isegrim angeblich mit einem wildernden Hund verwechselt. Ja, wie der bloß seine Jagdprüfung bestanden hat?

Hat sich wohl irgendwie in der Wolfsszene rumgesprochen, wie gefährlich es in Hessen ist, denn dann kam erstmal lange keiner mehr. Oder er wurde nur nicht gesehen . . .

Jetzt war aber doch wieder mal einer da, und zwar in Bad Soden-Salmünster im Kinzigtal. Um es kurz zu machen – auch der ist tot, vorige Woche überfahren aufgefunden.

Wehklagen allenthalben. Umweltministerin Priska Hinz bedauerte den Tod des Tieres. Hessen sei zwar kein typisches Wolfsland wie zum Beispiel Sachsen, verkündete das Grünkäppchen der Landesregierung, „aber auch wir freuen uns, wenn gelegentlich ein Wolf nach Hessen kommt und sind darauf gut vorbereitet“.

Sprich, wir überfahren ihn. Sollte gerade kein Auto zu Verfügung stehen, rät die Ministerin zur Vorsicht: „Wenn Sie ein wolfsähnliches Tier sehen, bitte ruhig bleiben und Abstand halten!“ Im Zweifel nicht davonlaufen, sondern langsam rückwärts gehen und dabei laut sprechen. Hoffentlich geht das gut!

Dem Naturschutzbund NABU geht das alles nicht weit genug. Der tote Wolf sei „eine Mahnung, dringend ein hessisches Wolfsmanagement einzurichten“, so der Landesvorsitzende Gerhard Eppler. „Wolfsmanagement“, du meine Güte, das ist deutsche Gründlichkeit. Geht aber noch komplizierter: „Obwohl bei uns immer wieder Wölfe gesichtet werden, fehlt noch immer ein Wolfsmanagementplan“. Den Unterschied zwischen Wolfsmanagement und Wolfsmanagementplan verstehe ich jetzt nicht ganz, aber wenn ich Wolf wäre, würde ich bei soviel Bürokratie lieber einen großen Bogen um Hessen machen. Und wenn er nicht überfahren wurde, streunt der Wolf woanders rum.

So, Ende meiner heutigen Geschichte. Ich hoffe mal, ich habe alle Satzzeichen korrekt gesetzt. Wenn nicht, könnte ich mich immer noch beim Schreibwettbewerb des Hessischen Literaturforums bewerben. Denn dessen Motto lautet „Ohne Punkt und Komma“. Trotz dieser offenkundigen orthografischen Mängel zeichnete die Jury 20 von 330 eingesandten Werken aus, wie uns Wissenschaftsstaatssekretär Ingmar Jung mitteilt. „Ohne Punkt und Komma“ – ob dies wirklich die richtige Vorgabe für einen Schreibwettbewerb ist?

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 18. März 2015

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