Die Stirn bieten

Auch fünf Tage nach den Anschlägen von Paris bleibt mir das Lachen immer noch im Halse stecken. Angesichts der schrecklichen Bilder hier über Lächerlichkeiten und Lappalien aus dem Landtag zu spötteln, habe ich aktuell nicht die geringste Lust. Zu nichtig alles angesichts des Entsetzens, das die französische Hauptstadt heimgesucht hat. Voll schreiben werde ich diese Kolumne dennoch. Weitermachen, „die Stirn bieten, nicht zurückweichen“, wie es der FDP-Landesvorsitzende Stefan Ruppert ausdrückte, der am Samstagmorgen die schwere Aufgabe hatte, unter dem Terrorschock von Paris einen Landesparteitag in Oberursel eröffnen zu müssen.

„Ich bin tief erschüttert über die vielen Opfer der Attentate in Paris. Unsere Gedanken sind bei unseren französischen Nachbarn.“ (Ministerpräsident Volker Bouffier, CDU)

Als Kind bin ich in den Zeiten des Kalten Krieges aufgewachsen. Als ich als Jugendlicher zu begreifen begann, welche gewaltige Zerstörungskraft das atomare Aufrüsten bedeutete, wie viele Male wir mit den amerikanischen und russischen Raketen die Erde in die Luft sprengen könnten, fand ich das wirklich beängstigend. So banal es klingen mag, eine gewisse Zuversicht, dass doch keiner auf den ominösen roten Knopf drücken würde, gab mir die Textzeile aus dem Lied „Russians“ des britischen Sängers Sting. „It would be such an ignorant thing to do, if the Russians love their children too“, sang der frühere „Police“-Frontmann angesichts der russischen Nukleardrohungen.

Das ist der springende Punkt, der Unterschied zu heute. Die Russen wollten bei allem selbst überleben, auch um ihrer Kinder willen, weshalb es nicht zum großen Knall kam. Insoweit ein kalkulierbarer Feind. Wie aber geht man gegen die jegliche menschlichen Werte missachtenden Schlächter des sogenannten Islamischen Staates vor, denen ihr eigenes Leben egal ist? Die es sogar bewusst opfern, um in ein angebliches Paradies mit 72 Jungfrauen für vermeintliche Märtyrer zu kommen?

„Fassungslos steht man vor dieser Barbarei. Meine Gedanken sind bei den Familien der vielen Opfer.“ (Thorsten Schäfer-Gümbel, SPD-Landesvorsitzender)

Kein Nazi, kein Rechtsradikaler ist, wer nun fordert, Deutschland müsse den gewaltigen Flüchtlingszustrom wieder in geregelte Bahnen lenken. Über Wortwahl und Zeitpunkt lässt sich streiten, aber im Kern gilt selbstverständlich: Wir müssen wissen, wer zu uns kommt – das sagt nicht nur der gelegentlich irrlichternde Horst Seehofer, das sagt auch das liberale Schweden. Und es stimmt.

„Der Rechtsstaat muss mit aller Härte gegen die Feinde von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit durchgreifen.“ (Stefan Ruppert, FDP-Landesvorsitzender)

CDU-Generalsekretär Manfred Pentz mahnt zu Recht davor, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Man könne zwar keinem Flüchtling, der nach Deutschland komme, in den Kopf schauen, aber: „Niemals darf mit Blick auf den Islam ein Generalverdacht erhoben werden.“ Hoffentlich hat das sein Fraktionskollege Hans-Jürgen Irmer gehört. Der gibt gerne Sätze wie diesen zum Besten: „Der Islam ist auf die Eroberung der Weltherrschaft fixiert.“ Die Terrororganisation „IS“ ist das, der Islam nicht.

„Wir sind entsetzt und fassungslos. Nichts rechtfertigt feige Anschläge auf das Leben und die körperliche Unversehrtheit Unschuldiger.“ (Kai Klose und Daniela Wagner, Grünen-Landesvorsitzende)

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 18. November 2015

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: