Der linke Grinch

So, heute Abend ist es wieder soweit: Die Geschenke sind ausgepackt, manche Augen leuchten vor Freude, manche Gesichter sind eingefroren, weil das Präsent nicht gefällt. Dagegen kann natürlich keiner was tun, sollte es aber kaputt geliefert worden sein, kann vielleicht der „Online-Schlichter“ helfen. Ein „Erfolgsmodell“, meint Verbraucherschutzministerin Priska Hinz, „damit Verbraucher bei Streitigkeiten einen kompetenten Ansprechpartner haben“. An diese neutrale Schlichtungsstelle können sich Verbraucher wenden, wenn es zum Streit mit Unternehmen kommt – sofern der Vertrag online abgeschlossen wurde.

„Der Online-Kauf nimmt immer mehr zu“, weiß die gut informierte Ministerin, „gerade in der Weihnachtszeit.“ Und weil das so ist, blicken viele Online-Kunden derzeit sehr besorgt nach Bad Hersfeld. Das dortige Logistikzentrum des weltgrößten Online-Händlers Amazon wird nämlich tüchtig bestreikt. Weswegen Amazon nicht alle Geschenkpakete rechtzeitig ausliefern kann, so hofft die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Kein Thema, alles kommt pünktlich, versichert dagegen Amazon.

Damit das auch wirklich klappt, hatte der Versandhändler beim Regierungspräsidium Kassel (RP) die Genehmigung für Sonntagsarbeit an den Wochenenden der Vorweihnachtszeit beantragt – und auch erhalten. Was die Linken ungemein empört. Das RP leiste „Mitwirkung beim Streikbruch“, flucht Linken-Fraktionschefin Janine Wissler. Immerhin seien die Streiks schon vor der behördlichen Genehmigung angekündigt worden und selbige damit „klar rechtswidrig“.

„Aberwitzig“ hingegen nennt diese Theorie Jürgen Lenders, der weihnachtspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion. Amazon habe in den vergangenen Jahren auch immer Sonntagsarbeit genehmigt bekommen. Dass Amazon gerade in der Vorweihnachtszeit eine überdurchschnittliche Arbeitsbelastung habe, sei doch wohl für jeden mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbar, so Lenders.

Jaja, der gesunde Menschenverstand – das ist immer so eine Sache. Die Linken wollten dieses Jahr offenbar der Grinch sein, der das Weihnachtsfest verhindern will, argwöhnt Lenders. Kennen Sie den Grinch? Eine amerikanische Romanfigur, eine Kreatur mit grüner Haut, die in einer Berghöhle lebt. Der Grinch mag Weihnachten nicht und stiehlt deswegen in der Verkleidung des Weihnachtsmannes die Geschenke. So wie es also nun die Linken und Ver.di wollen, folgt man Lenders’ Logik . . .

Auf gar keinen Fall online kaufen sollte man Haustiere, warnt die Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin und appelliert vor allem an Weihnachten keine Tiere zu verschenken. Jede Anschaffung eines Tieres bedeute nämlich „oft eine jahrelange Verpflichtung finanzieller Art“. So lägen die durchschnittlichen Kosten für die gesamte Lebensdauer selbst eines winzigen Yorkshire-Terriers bei 34 550 Euro, rechnet Martin vor. Und da kann dann wohl auch der Online-Schlichter nicht mehr helfen . . .

Ebenfalls überfordert sein dürfte selbiger, sollte es zum Streit kommen über das Weihnachtsgeschenk, das FDP-Fraktionschef Florian Rentsch den Rheingauern bescheren möchte: Einen Eisenbahntunnel zum Schutz vor Schienenlärm von Wiesbaden bis Köln.

Etwas teuer, meinen Sie jetzt vielleicht? Ach was, maximal sieben Milliarden Euro, beschwichtigt Rentsch. Nach ersten Berechnungen, wohlgemerkt! Was daraus wird, wissen wir ja, siehe Berliner Flughafen oder Elbphilharmonie.

Die frohe Botschaft ganz zum Schluss: Finanzminister Thomas Schäfer hat auch dieses Jahr wieder den „Weihnachtsfrieden“ ausgerufen. Sprich, von 22. bis 31. Dezember werden keine Steuern angemahnt, keine Zwangsgelder angedroht, keine Vollstreckungen durchgeführt und keine Steuerpflichtigen vorgeladen. Ein Traum für Uli Hoeneß und Konsorten.

Na dann, frohe Weihnachten!

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 24. Dezember 2014

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