Chinatown am Main

China, China, du liebe Güte, gibt’s denn gar nichts anderes mehr als China? Seit Freitag ist die Landespolitik im China-Rausch, weil man jetzt in Frankfurt auch die chinesische Währung umtauschen kann. Das muss vorher ganz, ganz kompliziert gewesen sein. Kann ich mir vorstellen, wenn nicht mal so richtig klar ist, ob das Geld im Reich der Mitte nun Renminbi oder Yuan heißt. Stellen Sie sich mal vor, Sie reisen ins Ausland, sagen wir mal in die USA, und wollen ihre Euro in Dollar umtauschen, nennen ihre Euro dann aber in der Wechselstube plötzlich Teutominbi oder so. Ja, da herrschte wohl auch Verwirrung!

Deshalb soll es nun also ein Handelszentrum für die chinesische Währung in Frankfurt geben, im Finanzdeutsch „Clearing-Bank“ genannt. Was übersetzt wohl soviel bedeutet, dass sie Klarheit schafft, um welche Währung es sich denn eigentlich handelt, Renminbi oder Yuan und was sie wert ist.

„Das ist eine sehr gute Nachricht und große Chance für Frankfurt. Unser heimischer Finanzplatz wird als das Finanzzentrum der Eurozone weiter gestärkt“, schwärmen Ministerpräsident Volker Bouffier und sein Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir. Dass der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann mit einem formvollendeten Kotau vorgeschlagen haben soll, die Mainmetropole bei dieser Gelegenheit gleich in Chinatown umzubenennen, blieb bis Redaktionsschluss ein nicht verifizierbares Gerücht.

„China ist ein schlafender Löwe, lasst ihn schlafen! Wenn er aufwacht, verrückt er die Welt!“, hat einst Napoleon Bonaparte gewarnt. Hätte die Welt mal auf ihn gehört – Kleinwuchs ist kein Grund, dies nicht zu tun. So ist es nun: China ist inzwischen die zweitgrößte Volkswirtschaft hinter den USA und konkurriert mit Deutschland um den Titel Exportweltmeister.

Es gibt da einen Herrn mit dollem Titel – Hubert Lienhard, Vorsitzender im Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft –, der drückt es so aus: „Nur Unternehmen, die heute in China, der dynamischsten Volkswirtschaft der Welt, vor Ort erfolgreich sind und dort mit chinesischen Unternehmen mithalten können, haben eine Chance auf Dauer erfolgreich zu sein.“ Ich muss ehrlich sagen, da irritiert mich schon, dass ausgerechnet jetzt unser Rüsselsheimer Autobauer Opel verkündet hat, sich komplett aus China zurückziehen zu wollen. Hatte die Marke mit dem Blitz nicht mal den Werbespruch „Wir haben verstanden“?

Aber zurück zur kommenden Renminbi-Wechselstube in Frankfurt. In der Mainmetropole hat man eben verstanden, anders als in Rüsselsheim! Die Landespolitik auf jeden Fall ist voller Freude: „Ein Meilenstein für die Zusammenarbeit und eine Großchance für den Finanzplatz Frankfurt“, jubelt SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD), einen „wichtigen Meilenstein für die Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit des Finanzplatzes“ sieht der CDU-Landtagsabgeordnete Clemens Reif, der FDP-Fraktionsvize Jürgen Lenders anerkennt immerhin „einen großen Erfolg“. Der Liberale gießt aber auch gleich Wasser in den Freudenwein von Bouffier und Al-Wazir: Dies sei ja bitte kein Erfolg für Schwarz-Grün!

Sondern? „Es war der ehemalige Wirtschaftsminister Florian Rentsch, der bei mehreren China-Reisen für Frankfurt als Finanzplatz geworben und einen maßgeblichen Beitrag zur erfolgreichen Ansiedlung in Frankfurt geleistet hat“, trägt Lenders dick auf. Na ja, für zwei China-Reisen in zwei Ministerjahren hat sich Rentsch sicher Fleißpunkte verdient, aber ganz sicher nicht im Alleingang den Renminbi an den Main geholt.

Also, nicht so verkniffen, Herr Lenders! Machen Sie es doch wie der Wiesbadener Pfarrer Jeffrey Myers. Der hatte zum 1. April (!) verkündet, eine Gruppe chinesischer Investoren wolle die dortige Marktkirche kaufen: „Als Alternative zur traditionellen Nutzung wird darüber nachgedacht, den Nassauer Landesdom abzureißen und ein Hotel mit Turmrestaurant zu errichten.“ Hoffentlich inklusive Renminbi-Wechselstube.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 2. April 2014

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