Kretschmann war da, aber Bouffier nicht. Erstgenannter, Regierungschef von Baden-Württemberg und einziger grüner Ministerpräsident in Deutschland, war am Montag geladen zu einem Arbeitsgespräch beim beinahe letzten schwarzen Ministerpräsidenten in Deutschland: Volker Bouffier. Der Hesse wollte den Schwaben in seiner Wiesbadener Staatskanzlei begrüßen, bevor sich Winfried Kretschmann zum eigentlichen Anlass seines Hessen-Besuchs aufmachen würde: Er war Ehrengast auf dem Neujahrsempfang der hiesigen Grünen im Landtag. Wegen widriger Witterungsverhältnisse bekam Bouffier aber keinen Flieger von Berlin nach Frankfurt und musste in einen verspäteten Zug umsteigen.
Für Kretschmann war es sozusagen eine triumphale Rückkehr. In den Achtzigern war er Grundsatzreferent im hessischen Umweltministerium unter Joschka Fischer. Kretschmann: Der erste grüne Minister der Welt! Spaßig war das wohl damals nicht. Nicht nur wegen der spärlichen Ausstattung (ein Telefon, zwei Kugelschreiber), sondern offenbar vor allem wegen Fischer selbst. „Es war nicht immer ein Vergnügen“, erinnerte sich Kretschmann, er war wahrlich kein einfacher Chef. Trotzdem sei diese Zeit eine „harte, aber profunde Schule“ gewesen, die dem ersten grünen Ministerpräsidenten heute zugute kommt.
Ja, der Sensationssieg des Grünen im 60 Jahre lang schwarz geführten Baden-Württemberg – da habe er schon ein bisschen Tränen in den Augen gehabt, als Kretschmann gewählt wurde, bekannte Gastgeber Tarek Al-Wazir. Kennt man sonst gar nicht von dem angriffslustigen Grünen-Chef.
Auch in seiner Ansprache zeigte Al-Wazir sich selbstbewusst. Er entwickelte vor der Gästeschar seine Vision vom Neujahrsempfang 2014 seiner Partei – „das wäre dann der Empfang einer Regierungsfraktion!“. Mit gelungener Energiewende, Schulfrieden, Nachtruhe am Frankfurter Flughafen von 22 bis 6 Uhr und was sich die grüne Seele sonst so alles wünscht. Hoffentlich heult er 2014 nicht wieder. Vor Rührung, wenn’s so gekommen ist oder vor Enttäuschung, wenn’s nicht geklappt hat mit dem Regierungswechsel.
Feierlich ging es ja auch am Dienstag allerorten zu: 50 Jahre Elysée-Vertrag. In Hessen ist das ebenfalls der Würdigung wert, weshalb Europaminister Jörg-Uwe Hahn staatstragend verkündete: „Die Partnerschaft von Hessen und der Aquitaine ist ein erfolgreiches Kapitel der deutsch-französischen Zusammenarbeit.“
Recht so, und jetzt sagen Sie mal, verehrter Herr Juso-Chef Felix Diehl, was sollte das da eigentlich jüngst, Hessen brauche einen echten Europaminister? Er hat doch dran gedacht, der Hahn, an den Jubeltag! Was heißt denn da bitte schön „Nebenbei-Europaminister“? Das Ministerium müsse von einem politischen Schwergewicht geleitet werden, schwadronierte das Juso-Jüngelchen. Wie beispielsweise vom hessischen SPD-General Michael Roth, der als europapolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion das notwendige Rüstzeug mitbringe.
Ha, ha, ha! Ausgerechnet der schmale Roth mit seinen Ein-Meter-Siebzig. FDP-Chef Hahn dagegen mit seinen gut Einsachtzig und dem mindestens doppelten Körperumfang Roths – wer ist da wohl das wahre Schwergewicht, Herr Diehl?
Aber noch mal zur Aquitaine. Die Partnerschaft habe in fünf Jahrzehnten nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen der Menschen erreicht, meint Hahn. Als Heimat von Spitzenweinen habe die Aquitaine zudem Weltruf erlangt. Hauptstadt Bordeaux, sage ich da nur. Also sind wohl nicht nur Kopf und Herz erreicht, sondern auch die Leber.
An selbige geht es auch bald Hahns Parteifreund Frank Blechschmidt. SPD-Mann Günter Rudolph hatte nämlich mit ihm um „eine gute Flasche Wein“ gewettet, dass es die FDP in Niedersachsen nicht in den Landtag schafft. Jetzt freue er sich auf die kulinarische Überraschung aus dem Weinkeller des Kollegen. Hoffentlich lässt Rudolph sich nicht lumpen und holt auch wirklich einen guten Bordeaux aus seinem Gewölbe!
Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 23. Januar 2013