Künstler und Publizisten

Den „Barkewitz am Mittwoch“ gibt es ja eigentlich nicht mehr – zumindest bei der Frankfurter Neuen Presse. Aber hey, mich selbst gibt es ja schon noch, und warum sollte ich mich nicht mal wieder mittwochs zu Wort melden, zumal wenn die Landtagswahl in Hessen vor der Tür steht?! Als Publizist in eigener Sache sozusagen.

Beim Stichwort „Publizist“ bin ich auch schon beim ersten Knaller: SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel, der im dritten Anlauf endlich Ministerpräsident in Hessen werden will, ließ am Dienstag eine Liste von mehr als 100 „Künstlern“ publizieren, die seine Kandidatur unterstützen. Nun ja, wen Schäfer-Gümbel da keck mal alles so zum Künstler erklärt …

Zunächst mal seine Gattin, Annette Gümbel, Zusatz: „Historikerin“. Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leser, Frau Gümbel ist eine herzliche Frau, aber als im herkömmlichen Sinne „Künstlerin“ ist sie in Hessen bislang nicht bekannt.

Vertreten in der Unterzeichner-Liste sind durchaus namhafte Schriftsteller, Schauspieler, Regisseure, Musiker – und natürlich Klaus Staeck, „Grafiker“ und Unterstützer der SPD seit gefühlt Achtzehnhundertungrad. Aber dazwischen tischt uns Schäfer-Gümbel, Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie, Künstlername „TSG“, einfach mal jede Menge aktiver oder ehemaliger SPD-Politiker auf, die irgendwie mit einem Künstlertitel ummantelt werden.

Beispiele gefällig? Da wäre Dietlind Grabe-Bolz, „Musikerin“. Vor allem ist Frau Grabe-Bolz SPD-Oberbürgermeisterin von Schäfer-Gümbels Heimatstadt Gießen. Oder Ina Hartwig, „Autorin“. Nun, deren aktueller Job ist Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt für die SPD. Einer ihrer Amtsvorgänger mit SPD-Parteibuch, Hans-Bernhard Nordhoff, wird durch den Zusatz „Kulturdezernent a.D.“ zum Künstler. Oder Tim Renner, „Musikproduzent“. Einst Kulturstaatssekretär und Bundestagskandidat der SPD in Berlin.

Dann sind da natürlich die „Publizisten“. Wie Volker Hauff. Ein ganz altgedienter SPD-Recke als zweimaliger Bundesminister und Frankfurter Oberbürgermeister. Oder Reinhard Klimmt. Der war mal saarländischer Ministerpräsident und Bundesverkehrsminister. Für die SPD, sagte ich das schon? Wohl dem der solche Künstlerfreunde hat!

So schillernde Freunde wie Bohemien Schäfer-Gümbel hat Volker Bouffier, amtierender Ministerpräsident der CDU, leider nicht an seiner Seite. Ihm zur Hilfe eilte aber Angela Merkel, „Physikerin“. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe höchsten Respekt vor diesem Beruf. Aber gegen „Künstler“ klingt das doch irgendwie – spröde. Aber sie ist ja im Brot-und-Butter-Beruf „Kanzlerin“, und in dieser Rolle hat Merkel es immerhin geschafft, zusammen mit ihrem Parteifreund Bouffier ein Oktoberfestzelt im oberhessischen Ortenberg zu füllen.

Als „Publizist“ firmierte einst auch René Rock, FDP-Fraktionschef im Landtag. Der Spitzenkandidat der Liberalen wollte sich aber offenbar nicht in die Reihe der TSG-„Publizisten“ einreihen. Vor einigen Monaten betonte er zwar noch, er würde einen Kaffee lieber mit Schäfer-Gümbel als mit Bouffier trinken, weil er da auch mal zu Wort käme, und überhaupt sei die CDU ja nicht mehr natürlicher Partner der FDP. Jüngst allerdings Rocks Kehrtwende: Mit der CDU sei die Schnittmenge ja doch größer als mit den Genossen, er mithin offen für ein „Jamaika“-Bündnis zusammen mit Schwarz-Grün, denen allein die Regierungsmehrheit verlustig zu gehen droht.

Eine solche Volte gilt dann wohl als künstlerische Freiheit!

 

P.S.: Das war die Kolumne zur Landtagswahl. Wer einen „seriösen“ Vorbericht zur Wahl lesen möchte, dem empfehle ich meinen Artikel in der „Ärzte Zeitung“ vom 22. Oktober 2018. Im Übrigen gilt natürlich auch für diesen Urnengang: Gehen Sie wählen!

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