Wladimir oder Willi?

Seltsam eigentlich, die in der vergangenen Woche an dieser Stelle gewürdigten Bemühungen bedeutender hessischer Landespolitiker, die Krim-Krise zu lösen, haben irgendwie nichts gebracht: Am Sonntag die Abstimmung zum Beitritt zu Russland, gestern Wladimir Putins Unterschrift zur „Eingliederung“ der Halbinsel in seine Russische Förderation. Wie konnte das passieren? Dabei haben die Parteien doch am Donnerstag alle im Landtag gemahnt, gedroht, Völkerrechtsverletzungen beklagt und friedliche Lösungen gefordert. Nur die Linken, die haben ihre ganz spezielle Sichtweise auf die Angelegenheit.

Natürlich möchte deren Fraktionschef Willi van Ooyen zuallererst eine „diplomatische Lösung“. Aber dann geht es so richtig los wie man es von einer SED-Nachfolgepartei eigentlich auch nicht anders erwarten kann: Ein „die Wirklichkeit verzerrendes Weltbild“ habe derzeit Hochkonjunktur, beklagt van Ooyen: „Hier die USA und die Europäische Union, die für Demokratie und Menschenrechte in der Ukraine streiten. Dort das Reich des Bösen mit einem Autokraten an der Spitze, der auf der Krim wieder den Eisernen Vorhang errichtet.“

Was ist denn daran so verzerrt, vor allem an dem „Autokraten“?

Aber er kann es ja noch besser, der alte Ostermarsch-Organisierer: „Wichtig ist aber auch, dass der Westen legitime Sicherheitsinteressen Russlands anerkennt. Und es ist nicht gerade ein Ausbund an Glaubwürdigkeit, wenn heute auf die Einhaltung des Völkerrechts gepocht wird, während dieses beim Nato-Krieg gegen Jugoslawien und der folgenden Abspaltung des Kosovo klar gebrochen wurde“, fabuliert van Ooyen.

Eine doch wohl groteske Aufrechnung. Immerhin haben die Serben damals weggemetzelt, was zu metzeln war, ich erinnere nur an das Massaker von Srebrenica, wo 8000 Bosnier hingerichtet wurden.

Aber so ist das mit den Linken, wenn der Despot kommunistischer oder stalinistischer Herkunft ist, ist deren Verständnis stets ganz besonders groß, die Toleranz nahezu unendlich.

Selbst die Wortwahl der Linken könnte noch einem Sowjet-Kommuniqué aus der Zeit des Kalten Krieges entstammen: „Dass dieser demokratische und soziale Protest hier wie dort durch reaktionäre, rassistische und antisemitische Kräfte in sein Gegenteil verkehrt wurde, ist eine Tragödie für den Kampf für Freiheit, Gleichheit und Solidarität“, beklagt van Ooyen weiter.

Reaktionäre, rassistische und antisemitische Kräfte? Die gibt es dort ganz sicher auch, aber die überwiegende Zahl der auf dem Maidan wochenlang demonstrierenden Ukrainer gehört ganz sicher nicht dazu. Aber jetzt achten Sie, liebe Leser, doch einmal genau auf die Begriffe: Unter den neuen Kräften seien „Faschisten, Russlandfeinde und Antisemiten“, polterte Putin gestern in seiner Eingliederungsrede. Klingt doch exakt wie van Ooyen, oder?

Zwar herrscht ja bekanntlich noch der neue friedvollere Stil im hessischen Landtag, aber die CDU-Verantwortlichen in Wiesbaden juckt es bestimmt schon wieder in den Fingern, die alten Meldungen aus der Schublade zu ziehen. Darin hatten die Linken jahrelang eine ganz besondere Bezeichnung: Mal „Postkommunisten“, mal „Neokommunisten“.

Aber die werden sich schon noch wundern, die linken Alt- oder Neukommunisten: Erst die Ostukraine, danach vielleicht schon bald Osthessen! Wenn dort ein Russlanddeutscher unglücklicherweise bei einer Kirmesschlägerei eins auf die Nase bekommt, schickt Zar Putin sofort seine Truppen, pardon „prorussischen Kräfte“ aus. Begründung ist bekannt: um russische Bürger zu schützen.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 19. März 2014

 

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