Vorsicht, Faltenwespen!

Da war ich mal in Urlaub, und was habe ich verpasst? Nichts! Das übliche Flautenprogramm in der Landespolitik während der großen Ferien: Sommerinterviews, Sommerreisen, Rheingauer Weinwoche. Sprich, wenn die Landtagsabgeordneten und Konsorten nicht gerade Sommerinterviews geben oder auf Sommerreise touren, sitzen sie auf dem großen Wiesbadener Weinfest rum, das günstigerweise direkt vor dem Landtag stattfindet. Und sie laden Journalisten ein, um diese zur Mittagszeit abzufüllen und zu gewogener Berichterstattung zu verführen. Zum Glück war ich in Urlaub …

Ohne jetzt nachgezählt zu haben, am meisten ist, so schätze ich einfach mal, unser sogenannter Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein durch Hessen getingelt. Ist der Mann gereist! Vier Tage, vollgepackt mit Terminen! „Über Ihre Teilnahme und Berichterstattung freuen wir uns“, heißt es stets treuherzig in der Einladung an die Redaktionen. Bogenschießen im Römerkastell Saalburg, Eröffnung der Grimm-Ausstellung in Steinau, Brentanohaus, Schloss Erbach, Schloss Auerbach, Grube Messel, nur ein paar Beispiele … In Kassel brachte er sogar einen Förderbescheid über 700.000 Euro für das dortige Stadtmuseum mit. Da macht er sich natürlich ganz besonders beliebt.

Einen bedeutsamen Termin hatte der Frankfurter CDU-Minister in der Wetterau-Gemeinde Glauburg. Dort verabschiedete er den berühmten Keltenfürsten – Sie wissen schon, den mit den Mickey-Maus-Ohren! – nach Großbritannien. Vom hiesigen Museum Keltenwelt geht es für den Steinmann direkt ins British Museum in London und später in das National Museum of Scotland in Edinburgh. Das ist sogar mehr als nur eine Sommerreise, ein Jahr lang wird er dort in der Ausstellung „Celts“ gezeigt. Bevor Sie jetzt nervös werden, liebe Leser, von wegen Ausfuhrverbot nationaler Kulturgüter und so – es ist „nur“ eine Kopie, die auf die Insel reist!

Nicht-offiziellen Kreisen zufolge geschieht das im Zuge des aus EU-Mitteln geförderten multilateralen Austauschprogramms „Zeigt her Eure Adeligen“. Die Briten haben uns bekanntlich jüngst Queen Elizabeth II. geschickt, Hessen revanchiert sich dafür mit dem Besuch des mit 2500 Jahren nur unwesentlich älteren Keltenfürsten.

Nicht weniger reisefreudig zeigte sich Rheins grüne Kabinettskollegin Priska Hinz. Die Umweltministerin verschlug es zu Sommertouren nach Nord-, Ost- und Mittelhessen, in zahlreiche Landkreise und auch nach Frankfurt, wo sie in Niederrad „Urban-Gardening“ inspizierte. Im Projekt „Essbare Siedlung“ bauen Bewohner selbst Gemüse an, heißt es im Reisebericht. Essbare Siedlung? Nun ja . . .

Der dollste Termin stand für sie aber in Herborn an, zufällig ihre Heimatstadt, wo „Ministerin Hinz den Wanderfalken ,Priska‘ in die Freiheit entlässt“, wie uns ihre Pressestelle wissen ließ. Einen verletzten Jungvogel, der im dortigen Vogelpark aufgepäppelt wurde. Ministerin Priska entlässt Falke Priska – ohne Worte.

Hinz hat auch eine Staatssekretärin, Beatrix Tappeser. Die hatte gestern den Knallertermin überhaupt: In Stockstadt stellte sie den „Atlas der Faltenwespen“ vor. Was ist das, werden Sie jetzt vielleicht fragen? „Die erste und einzigartige Dokumentation über die Vielfalt und die Bedeutung der in Hessen vorkommenden Wespenarten“, belehrt uns das Umweltministerium.

Dazu bedarf es 260 Seiten, hätten Sie das gedacht? Nein? Dann haben Sie wohl auch noch nie was von der Antilopen-Hakenwespe, der Verengten Stängelwespe, der Delphin-Milbenwespe oder der Gekrönten Töpferwespe gehört, wie?

Wahnsinn. Fast wäre ich geneigt zu sagen, bin froh, wenn der Sommer rum ist: Keine Sommerinterviews mehr, keine Politiker auf Sommerreisen – und auch die Wespenzeit wäre vorbei.

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 26. August 2015


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