Vorleser und Hinhörer

Heute soll es hier mal um das Lesen gehen. Das Lesen von Büchern (ich zum Beispiel habe eines gelesen, aber dazu später mehr), das Vorlesen und auch ums Nichtlesen. Des Nichtlesens bezichtigt beispielsweise CDU-Generalsekretär Manfred Pentz den SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel: „Es reicht nicht aus, wenn Herr Schäfer-Gümbel mit dem Handelsblatt unter dem Arm durch den Landtag läuft, er muss es auch lesen!“, wetterte Pentz auf dem CDU-Parteitag in Hanau.

Und wenn er es denn lesen würde, dann wüsste Schäfer-Gümbel, „wir sind in Hessen auf einem guten Weg“, glaubt Pentz. Wohin auch immer der führt. Das sind eben so Sätze, die ein Generalsekretär auf einem Parteitag so sagen muss. Wahrscheinlich hat Schäfer-Gümbel die Lektüre des Handelsblatts nicht geschafft, weil er etwas anderes lesen musste. Sogar vorlesen.

Am Freitag war nämlich wieder Vorlesetag in ganz Deutschland und damit auch in Hessen. Politiker, Prominente und auch prominente Politiker sind republikweit ausgeschwärmt, um Kindern in Kitas und Schulen vorzulesen.

Schäfer-Gümbel hat also vorgetragen in einem Kindergarten in Grünberg und zwar aus dem Buch „Heule Eule“. Auch die Landesregierung war unterwegs, alle Kabinettsmitglieder traten als Vorleser auf. Ein Buch war besonders beliebt: „Der Dachs hat heute schlechte Laune“ von Moritz Petz. Wissenschaftsminister Boris Rhein gab daraus zum Besten, Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir ebenso wie Umweltministerin Priska Hinz.

Wissen Sie, was mich irritiert? Was sind denn das bloß für Depri-Titel? Heulende Eulen und übellaunige Dachse? Hm, mal überlegen, beides Waldtiere. Haben die vielleicht den Waldzustandsbericht gelesen, den Ministerin Hinz wiederum kurz zuvor Journalisten vorgelesen hatte?

Aber so schlecht ist es dann ja um den hessischen Wald doch gar nicht bestellt außer im Rhein-Main-Gebiet. Da geht es den Bäumen so schlecht, da könnte man schon heulen und schlechte Laune bekommen.

Gerhard Merz hingegen hat zwar auch wie alle SPD-Landtagsabgeordneten vorgelesen (aus „Wie Michel beinah ein Held wurde“), aber eigentlich liegt seine Leidenschaft woanders: Er hört zu. Dabei stößt er auf so viel Unsinn, dass er darüber ein Buch geschrieben hat. Dies war es übrigens, was ich gelesen habe. Aber so still vor mich hin, nicht vorgelesen.

„Papyrrhussiege und hässliche Wörter Beiträge aus dem Hessischen Landtag“ heißt das Werk des Gießener Lehrers. Er hat genau hingehört und einen Haufen Sprachmüll aufgeschnappt, den er zunächst in einer persönlichen Liste gesammelt, dann zu einem Kabarettprogramm und jetzt sogar zu einem Buch verarbeitet hat. Falsch benutzte Fremdwörter, verrutschte Sprichwörter, kombinierte Redewendungen, die nicht zusammen passen ein groteskes Sammelsurium, oder um es mit den Worten von Merz Fraktionskollegen Michael Siebel zu sagen: „Der Heilige Gral würde sich im Grabe umdrehen.“

Der „Papyrrhusieg“, gemeint ist natürlich der Pyrrhussieg, stammt übrigens von Schäfer-Gümbel. Aus einer lange zurückliegenden Rede aus Juso-Tagen, wie er reumütig bekannte. Schäfer-Gümbel taucht noch einige Male in dem Buch auf, was aber nicht wieder vorkommen soll: „Ich habe mir fest vorgenommen, im zweiten Teil keine Rolle mehr zu spielen.“

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 25. November 2015

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