Vier Burgen, drei Bordelle

Um Hessen ist es wirklich schlimm bestellt. Jetzt wollen schon ganze Kommunen abhauen. Neckarsteinach, im alleräußersten Süden des Landes, will komplett „rübermachen“ nach Baden-Württemberg. So ne Art Republikflucht.

3800 Einwohner würde Hessen damit verlieren, vier Burgen und drei Bordelle. Das allgemein gebräuchliche Synonym für Neckarsteinach lautet aber die „Vierburgenstadt“ und nicht „Drei-Puff-Stadt“.

Die Zahl der Freudenhäuser hat uns freundlicherweise der dortige Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur übermittelt. Ich gehe davon aus, dass er dies sehr gründlich recherchiert hat. Für die Bordelle würde der Wechsel des Bundeslandes allerdings das Ende bedeuten: Denn in Baden-Württemberg ist Prostitution in Städten unter 35 000 Einwohnern nicht erlaubt. Das weiß im Übrigen auch der dpa-Korrespondent.

Aber warum bloß wollen denn die Neckarsteinacher weg aus Hessen? Hier fühlen sich doch 95 Prozent der Menschen ausdrücklich wohl, wie der „2. Zukunftsmonitor“ der Landesregierung im Januar ergab.

Sollten ausgerechnet alle Neckarsteinacher zu den fünf Prozent Miesepetrigen gehören? Scheint beinahe so, hört man Bürgermeister Herold Pfeifer zu. Der erzählte nämlich, dem Herzen nach seien die meisten Einwohner schon längst Baden-Württemberger, viele Menschen würden ohnehin im Nachbarland arbeiten, sogar die Schulen hätten baden-württembergische Ferien.

Soso. Aber wie so oft ist das Geld der springende Punkt. Die Neckarsteinacher fühlen sich nämlich nach der Neujustierung der kommunalen Geldumverteilungsmaschinerie von Finanzminister Thomas Schäfer ungerecht behandelt. Sie sollen demnach früher schuldenfrei sei als ursprünglich geplant und finden auch ganz generell, dass die Kommunen zu wenig Geld vom Land bekommen.

Die schwarz-grüne Landesregierung hat da aber einen ganz anderen Verdacht bezüglich der Abwanderungsgedanken. Das sei ein klar parteipolitisches Manöver, argwöhnt der Chef der Staatskanzlei, Axel Wintermeyer. Ein CDU-Mann. Der Neckarsteinacher Bürgermeister ist dagegen bei der SPD. Alles klar?

Die Stadt habe ein Ausgabenproblem, tritt Wintermeyer noch nach, und habe weit höhere Personal- und Sachkosten als vergleichbare Kommunen. Der Wechsel ist aber wohl ohnehin illusorisch. Möglicherweise bedarf es einer Volksabstimmung in der Region, andere meinen ein Staatsvertrag reiche auch aus. Den die hessische Landesregierung aber natürlich nicht unterschreiben würde . . .

In Baden-Württemberg hingegen ist die Freude groß. Das sei ein „tolles Kompliment“, meint der schlitzohrige Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen, „wir fühlen uns im höchsten Maße geehrt“. Da tut der Freude auch das jährliche Defizit von 700 000 Euro der Neckarsteinacher keinen Abbruch. Er würde die Gemeinde trotzdem nehmen, meint Kretschmann großzügig.

Freude auch bei Volker Bouffier und Tarek Al-Wazir. Der Schwarze und der Grüne sind als „Politiker des Jahres 2014“ ausgezeichnet worden. Während also Bouffier und Al-Wazir einen Preis abgeräumt haben, ist der gute Franz-Peter Tebartz-van Elst leider leer ausgegangen. Der abgesetzte Limburger Bischof war Namenspatron für einen der Vorschläge zum „Jugendwort des Jahres“. Gemeint ist „tebartzen“ als Synonym für „sich etwas Teures leisten“. Sie erinnern sich? Sein 30-Millionen-Bischofssitz?

Gewählt wurde allerdings „Läuft bei dir“, was soviel heißt wie „Du hast es drauf“ oder auch „cool“. „Tebartzen“ spielte bei der Auswahl hingegen keine Rolle.

Nicht mal das klappt – läuft alles nicht so bei ihm, dem Herrn Bischof. Er hat’s eben nicht drauf.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 26. November 2014

 

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