Viel Rauch um die Documenta

Dass das nicht gutgehen kann, habe ich gleich gedacht, als ich die ersten Bilder aus Kassel gesehen habe! Weißer Rauch steigt aus dem Zwehrenturm auf – und prompt rufen besorgte Bürger die Feuerwehr. Gut 30 Anrufe verzeichnete die Leitstelle bereits am Wochenende, seit am Samstag erstmals der Qualm die Turmspitze umwaberte. Dabei ist das doch Kunst. Kassel gleich Documenta – Sie wissen schon, die bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die heuer ihre 14. Auflage erlebt. „Expiration Movement“ heißt das dampfende Werk – und soll einen Gruß nach Athen darstellen, wo ein Documenta-Ableger bereits am Samstag eröffnet wurde. Ja, in Athen, aber dazu gleich mehr.

Bleiben wir zunächst in Kassel. Bei den verqualmten Bildern habe ich sofort gedacht, hoffentlich bekommt die Deutsche Umwelthilfe keinen Wind von dem Rauch dort. Diese Eiferer verklagen doch sofort jede Stadt, in der die Luft nicht vollkommen rein ist: Wiesbaden, Darmstadt, Offenbach, Limburg – allesamt schon von der Umwelthilfe vor Gericht gezerrt; gegen das hessische Umweltministerium ein Zwangsgeld erwirkt, falls die Luft nicht besser wird…

Davon ist man in Athen weit entfernt. Da ist die Luft zwar auch nicht unbedingt spitze, aber die Griechen haben wohl mit Schuldenlast, möglichem Euro-Austritt, Arbeitslosigkeit und steigender Armut größere Sorgen. Und seit Samstag die Documenta 14!

Dem Künstlerischen Leiter Adam Szymczyk gefiel es nämlich, die Kunstausstellung nach Athen auszulagern, bevor sie am 10. Juni ebenfalls in Kassel eröffnet wird. Ja, darauf muss man auch erst mal kommen: Als Sitz einer Ausstellung von Weltrang diese woandershin zu verlagern. Zumal Kassel ja sonst nicht so wahnsinnig viel mehr Attraktionen zu bieten hat. Gut, mit dem Bergpark Wilhelmshöhe seit vier Jahren immerhin ein Weltkulturerbe und dann noch Eva Kühne-Hörmann. (Momentan Hessens Justizministerin, zuvor Ministerin für Wissenschaft und Kunst und damit bei der Vorgänger-Documenta 2012 politisch zuständig.)

Der aktuelle Kunstminister Boris Rhein hat es irgendwie nicht zur Eröffnung in Griechenlands Hauptstadt geschafft. Keine Zeit, keine Lust, was weiß ich. Vielleicht schmollt er auch noch, weil die Documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff Ende März eine „unzureichende Finanzierung“ ihrer Schau durch das Land beklagt hatte. Immerhin hat Rhein seinen Staatssekretär Ingmar Jung nach Athen entsandt. Anwesend bei der Eröffnungsfeier hingegen war der SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel, der prompt via Twitter rügte: „Nicht akzeptabel ist allerdings, dass bei @documenta_14 kein Minister der Landesregierung anwesend war. Ist vielen unangenehm aufgefallen!“ So, so.

Kaum hat die Documenta also angefangen, da machen sich die ersten Künstler auch schon wieder vom Acker: Vier Reiter, die von Athen in 100 Tagen die 3000 Kilometer zu Pferde nach Kassel zurücklegen wollen. Auch das ein Kunstwerk: „The Transit of Hermes“. Ja, wissen die denn nicht, dass der Flughafen Kassel-Calden (genauso pleite wie die Griechen) dafür extra zwei Flüge pro Woche von und nach Athen anbietet? Geht schneller, ist bequemer – und der Airport ist doch dringend auf jeden Passagier angewiesen!
Sonst heißt es dort statt weißen Rauchs bald Licht aus.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 12. April 2017

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