Verkehrspolitik mit Pawlow

Es müllert im Landtag. Müller gegen Müller. Also nicht der Fußballer Thomas Müller, der mit dem eingängigen Slogan „Es müllert“ wieder für sich wirbt, ist gemeint, sondern Karin Müller von den Grünen und der Liberale Stefan Müller (weder verwandt noch verschwägert). Die sogenannten verkehrspolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen beharken sich in Sachen Tempolimit 120 und Verkehrstote. Was war passiert?

Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl Katrin Göring-Eckardt hatte in einem Interview gefordert, auf Autobahnen die Geschwindigkeit auf 120 km/h zu beschränken. Oha, es folgte, was folgen musste. „Ein generelles Tempolimit von 120 auf deutschen Autobahnen lehne ich kategorisch ab, und dies wird es mit der FDP auch nicht geben“, ließ Wirtschaftsminister Florian Rentsch prompt verkünden. Eine solche Forderung der Grünen sei antiquiert und reine Ideologie. Es sekundierte sein Fraktionsgefolgsmann Stefan Müller: „Ein generelles Tempolimit von 120 km/h auf deutschen Autobahnen ist typische grüne Ideologie, die keinem weiterhilft und erneut die Menschen in gewohnt grüner Manier einschränkt.“

Zack, das saß und konnte von den hessischen Grünen natürlich nicht unkommentiert stehen bleiben. Jetzt kommt Müller Nummer 2 ins Spiel: Ein Tempolimit auf Autobahnen sei ein wichtiger Schritt hin zu mehr Klimaschutz und weniger Verkehrstoten, entgegnete nun Karin Müller. Und überhaupt, der Minister Rentsch reagiere allein schon auf den Begriff Tempolimit mit einem pawlowschen Reflex.

Na, erinnern Sie sich an den Biologieunterricht? Der russische Psychologe Iwan Pawlow stellte die Theorie auf, dass einem bestimmten Reiz als Reflex eine bestimmte Reaktion folgt. Bekannt wurde vor allem der Pawlowsche Hund, bei dem die Gabe von Futter immer mit einem Glockenton verbunden wurde. Nach mehreren Wiederholungen war schon allein aufs Glöckchengeklingel hin ein Speichelfluss des Hundes zu beobachten.

Wir wollen das mal ausprobieren. Die Reizfigur: Katrin Göring-Eckardt. Der Reflex: CDU-Fraktionschef Christean Wagner empört sich wie üblich über die Dame. Die Reaktion: eine Pressemitteilung. Wie beispielsweise, als er verlangte, wegen ihrer Spitzenkandidatur müsse Göring-Eckardt ihr Amt als Präses der Evangelischen Kirche ablegen. Der Ruf nach einem Tempolimit ist ein weiterer Beweis für grün-ideologische Bevormundungspolitik, ließ sich Wagner tatsächlich prompt vernehmen. Er halte es geradezu für abenteuerlich, wenn Frau Göring-Eckardt die Chaos-Theorie bemühe, um ihren Vorschlag zu begründen. „Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass von Albert Einstein eine Aussage überliefert ist, wonach man mit 120 Stundenkilometern auf Autobahnen am schnellsten vorankommt“, so Wagner.

Mir im übrigen auch nicht, wenngleich ich nicht für mich in Anspruch nehme, alle Aussagen Einsteins zu kennen. Aber ich fahre gerne mit mehr als 120 Sachen über die Autobahn und würde das auch mit Freude weiterhin tun. Dabei hätte man es ja jetzt bewenden lassen können. Aber drei Tage später legte die Grünen-Müllerin nach. Weil das Statistische Bundesamt für 2012 mehr Unfalltote auf Hessens Straßen als 2011 zählte, schlussfolgerte die Abgeordnete: Schwarz-gelbe Verkehrspolitik erhöht das Risiko von Verkehrstoten. Schockiert zeigte sich Minister Rentsch und schalt die grüne These nicht ganz zu Unrecht als pietätlos und makaber. „Ungeheuerlich und auf das Schärfste zurückzuweisen“, assistierte FDP-Müller. Das würde ich jetzt auch mal so sagen. Immerhin fordert Schwarz-Gelb ja nicht die Rücknahme der Anschnallpflicht oder den Verzicht auf Reifenprofil bei Regen oder Ähnliches, was dann wirklich tödlich wäre.

 

 Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 6. März 2013

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