Überall Grenzen

So, jetzt machen also alle die Grenzen zu. Ungarn die ihrige zu Serbien, Österreich zu Ungarn, Dänemark zu Deutschland und Deutschland schließlich zu Österreich. Wobei der teils empörte, teils erleichterte Ausruf „Die Grenzen sind dicht“ ja nur teilweise stimmt. Mal sind es nur Züge, die nicht mehr länderüberschreitend passieren dürfen, Ungarn geht mit einem vier Meter hohen Stacheldrahtzaun tatsächlich in die Vollblockade, zwischen Bayern und Österreich werden lediglich Grenzkontrollen durchgeführt. Innenminister Peter Beuth findet das gut:

„Es war ein wichtiges Signal nach außen, aber auch an unsere europäischen Partner, dass die humanitäre Verantwortung eben auch ein europäischer Wert ist und die europäischen Kollegen sich nicht darauf verlassen können, dass Deutschland alleine das Problem löst“, so der Christdemokrat. Nein, das kann Deutschland nun wirklich nicht.

Die Linken-Fraktionschefin Janine Wissler hingegen findet das ganz schlimm. Die Entscheidung der Bundesregierung sei ein verheerendes Signal und die Umsetzung der von der CSU geforderten Abschottungspolitik. Wenn Beuth nun die von Berlin eingeschlagene Kursänderung begrüße, müssten die Koalitionäre von den hessischen Grünen laut widersprechen.

Ich glaube, da kann Wissler lange warten. „Unverständnis“ auch bei den südhessischen Jusos. „Man kann keine Mauer um Europa bauen“, meint deren Bezirksvorsitzender Kaweh Mansoori.

Ja, dazu ist Europa wohl zu groß. Aber vielleicht um Hessen? Schon mal darüber nachgedacht, Herr Beuth? An der Ostgrenze hat das doch schon mal geklappt. So ein Schritt will natürlich gründlich abgewogen werden. Grenze dicht gen Bayern wäre natürlich oberstes Gebot, aus der Richtung kommt ja der Flüchtlingsstrom. Nach Thüringen wäre auch nicht schlecht, da bleibt der braune Mob aus „Dunkeldoitschland“ außen vor. Schwieriger wird das mit Rheinland-Pfalz. Von dort kommen zum einen viele systemrelevante Arbeitsmigranten, andererseits heißt das grenznahe Gebiet zu Hessen zwischen Bingen, Mainz und Worms ausgerechnet – Rheinhessen. Bis zum Zweiten Weltkrieg fester Bestandteil erst des Großherzogtums und später des Volksstaats Hessen.

Nicht ganz unproblematisch könnte aber auch eine geschlossene Grenze zu Nordrhein-Westfalen sein. Wie sollen denn dann Taxis die Passagiere vom Flughafen Kassel-Calden nach Paderborn bringen, wenn’s auf dem „Kassel Airport“, wie das Millionengrab inzwischen wichtigtuerisch heißt, mal wieder nicht läuft?

Na ja, irgendwie führen diese Überlegungen zu nichts. Lassen wir Hessens Übergänge lieber wie sie sind. Ohnehin würden geschlossene Grenzen ja aufs Heftigste mit dem Motto „Grenzen überwinden“ der Landesregierung kollidieren. Diese Losung hat Ministerpräsident Volker Bouffier schon vor einem Jahr ausgegeben, als Hessen die Präsidentschaft im Bundesrat übernommen hat. Und nun die große Feier zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit in Frankfurt ausrichten darf.

„Wir zeigen den Menschen, wie wir Grenzen überwinden“, hat Staatskanzleichef Axel Wintermeyer just erst am Freitag in Mailand verkündet, wo er die sogenannte Hessen-Woche auf der Weltausstellung Expo besucht hat.

Da haben wohl viele Flüchtlinge gut zugehört.

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 16. September 2015

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