Rio, Bebra, Genua

 Ja, ja, „unser“ Weltmeister ein strammes Programm hatte Shkodran Mustafi da ja in den vergangenen Tagen in Hessen zu absolvieren. „Weltmeister-Stadt 2014 Bebra“ hielten die Bewohner gar aufgemotzte gelbe Ortsschilder hoch, als der berühmteste Sohn der Stadt wie in solchen Fällen ja gern gesagt wird am Freitag zum Empfang in seine osthessische Heimatstadt einlief. Wenn man sich so seine Erinnerungen anhört, hatte es der Nachwuchskicker dort ganz, ganz schwer. Er habe immer mit seinen Freunden und Verwandten Fußball gespielt. Die seien aber alle älter als er gewesen, er somit „eigentlich immer das schwarze Schaf“. Torwart habe er immer sein müssen, „der Jüngste muss die Drecksarbeit machen“.

Tja, so schnell kann sich alles ändern, jetzt durfte er sich als Fußball-Weltmeister ins Goldene Buch der Stadt eintragen!

Kurz zuvor war Shkodran Mustafi bereits Gast beim „Abend des Sports“ im Landtag. Und weil der Name des Sohnes albanischer Eltern, nun sagen wir mal nicht ganz so urtypisch hessisch klingt, musste er dem Publikum erst einmal versichern: „Ich bin Hesse.“ Das darf er wohl so sagen, er kam in Bad Hersfeld zur Welt und wuchs in Bebra auf.

Ansonsten war der 22-Jährige in Wiesbaden aber rhetorisch noch nicht wieder ganz auf der Höhe. „Die Stimme habe ich in Rio und in Berlin gelassen“, scherzte er nach den vorangegangenen Siegesfeiern. Last-Minute-Berufung in den WM-Kader, unerwartet viele Spieleinsätze und dann nach dem Achtelfinale wegen einer Verletzung schon wieder raus Mustafi hat in den vier WM-Wochen erlebt, wie nah Freud und Leid beieinanderliegen. Weshalb Ministerpräsident Volker Bouffier bei der Feier im Landtag ihm auch ganz landesväterlich wohlwollend wünschte, er möge auch Freunde haben, wenn es ihm nicht so gut gehe.

Wird schon! Jetzt muss der Mustafi aber bald wieder von Bebra nach Genua zurück, zu seinem italienischen Arbeitgeber, dem dortigen Erstliga-Club Sampdoria. Und was fällt dem frechen Burschen als erstes dazu ein? „Das Gute ist, dass ich jetzt die Italiener ein bisschen ärgern kann. Bis jetzt musste ich mir immer anhören, dass wir einen Stern weniger haben. Jetzt kann ich ein bisschen verteilen.“

Oh, oh, oh, man sieht sie sich schon wieder winden, die Gutmenschen und Political-Correctnesser: Darf der das? Ist das nicht beleidigend, diskriminierend, verächtlich? Oh weh, oh weh!

Denn Mustafi ist ja sozusagen Wiederholungstäter. Gehörte er doch zu der berüchtigten Tanztruppe, die sich bei der Siegesfeier in Berlin über die unterlegenen Finalgegner aus Argentinien lustig gemacht hat. Sie wissen schon, „So gehen die Gauchos, die Deutschen gehen so“. . .

An alle, die sich darüber tatsächlich aufregen wollen, mal der klare Hinweis: Ihr habtse doch nicht alle! Und lieber Shkodran Mustafi: Viel Spaß beim Italiener ärgern, immerhin haben die uns bei unserer Heim-WM 2006 auch ordentlich geärgert!

So, jetzt ist dann auch mal langsam Schluss mit Fußball-Weltmeisterschaft, kommen wir vom Spiel wieder zum Thema Arbeit. Was das eigentlich ist, wollten die Mitglieder der SPD gestern wissen. Darum wollten sie beim „Praxistag“ in diversen Chemie-Unternehmen „mit anpacken“ „anstatt ihrer täglichen Tätigkeit nachzugehen“, wie Fraktionschef Thorsten Schäfer-Gümbel mitteilt. Aufgemerkt, Tätigkeit nennt er das Rumsitzen im Landtag, immerhin nicht Arbeit . . .

Die werden sich sicher gefreut haben, die heimgesuchten Mitarbeiter in der chemischen Industrie, wenn sie von den Juxpraktikanten von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten wurden.

Gleich sechs SPD-Abgeordnete, angeführt vom Parlamentarischen Geschäftsführer Günter Rudolph, wollten bei der Firma B.Braun in Melsungen „anpacken“. Dort firmiert übrigens der FDP-Landesvorsitzende Stefan Ruppert als Mitglied der Geschäftsleitung. Der wird sich hoffentlich eine ordentlich schweißtreibende Arbeit für die Salon-Sozialisten ausgedacht haben!

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 23. Juli 2014

 

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