Rechenkünstler für Berlin

Von Hessen in die große weite Welt! Wer wollte das nicht? Da gibt es viele Namen… So hieß es ja immer wieder mal, Roland Koch habe Kanzler werden wollen, Volker Bouffier Bundespräsident. Der nordhessische SPD-Landtagsabgeordnete Timon Gremmels kandiert für den nächsten Bundestag, wo sein grüner, ebenfalls nordhessischer Abgeordnetenkollege Jürgen Frömmrich auch gerne hingewollt hätte, aber von seiner Parteibasis von einem aussichtsreichen auf einen weniger aussichtsreichen Listenplatz durchgereicht wurde. Die sogenannte große weite Welt habe ich jetzt einfach mal mit Berlin gleichgesetzt, dem Nabel der deutschen Polit-Welt: Kanzleramt, Schloss Bellevue, Bundestag. Wer es aber wirklich in die Hauptstadt geschafft hat, ist Daniel Tietze.

Daniel, wer? „Von Hessen in den Berliner Senat“, bejubelt die hiesige Landtagsfraktion der Linken den Aufstieg ihres ehemaligen „Referenten für Finanzen und Haushalt“ zum neuen „Staatssekretär für Integration“ in Berlin. Er habe in seiner Wiesbadener Zeit „hervorragende Arbeit“ geleistet, würdigt ihn Fraktionschef Willi van Ooyen. Und Tietze verfüge „mit Sicherheit über bessere Rechenkünste“ als der Rheingauer CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch, der mit „absurden Kostenrechnungen“ Stimmung gegen Flüchtlinge mache.

Jetzt frage ich mich ja, wenn der Tietze so gut rechnen kann, warum wird der denn dort nicht Finanzsenator? Einen, der gut mit Zahlen kann, könnte der Berliner Haushalt doch brauchen. Vielleicht müsste dann irgendwann nicht mehr ganz so viel Geld aus Hessen über den Länderfinanzausgleich nach Berlin fließen. Stattdessen „Staatssekretär für Integration“. So einen Posten haben wir in Hessen auch. Mit einem Grünen besetzt. Kennt nur kaum einer, den Herrn Jo Dreiseitel. Völlig untergegangen unter seinem omnipräsenten CDU-Minister Stefan Grüttner.

Und jetzt – von Frankfurt nach Geisenheim! Ein weiterer Weg, der dieser Tage beschritten wurde. Und zwar so: „Das Studentenwerk Frankfurt am Main baut sein erstes Studierendenwohnheim in Geisenheim“, meldet uns Wissenschaftsstaatssekretär Ingmar Jung, das Land spendiere das Grundstück. Haha, da fällt mit gerade ein, der Jung will ja für die Wiesbadener CDU im kommenden Herbst auch in den Bundestag nach Berlin!

Aber lassen wir das, ich möchte Ihr Augenmerk eigentlich auf etwas ganz anderes lenken: „Studentenwerk“ baut „Studierendenwohnheim“. Klingt ziemlich schwachsinnig, oder? Was ist bloß aus dem guten alten Studentenwohnheim geworden? Schuld ist das immer wieder peinliche Streben nach Political Correctness: Weil „Student“ nicht beiden Geschlechtern zugeordnet werden könne, redet nun jeder wichtige Offizielle aus dem Hochschulumfeld von „Studierenden“. Was natürlich Quatsch ist: Letztgenannter Ausdruck beschreibt lediglich eine momentane Tätigkeit und keinen Status, nämlich das Immatrikuliertsein als Student.

Darmstadt ist bereits durchgegendert, wie es Neudeutsch heißt: Dort baut das „Studierendenwerk Darmstadt“ gerade ein neues „Studierendenwohnheim“!

Unverschämt also, dass das Studentenwerk Frankfurt immer noch an diesem frauenfeindlichen Namen festhält, oder? Hallo, war’n Witz!

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 14. Dezember 2016

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