Netzwerke

War das eine Aufregung! Da wollte doch die böse Schufa tatsächlich Einträge in Facebook und anderen sogenannten sozialen Netzwerken für ihre Bonitätsprüfungen nutzen. Empörung allenthalben, auch im Landtag: „Facebook-Schnüffelei darf nicht Realität werden“, mischte sich FDP-Fraktionsgeschäftsführer Frank Blechschmidt in die erregte Diskussion ein. Da schlug das liberale Herz für Bürgerrechte spürbar schneller.

Aber ist das wirklich so ungeheuerlich? Dazu muss man nun wirklich mal sagen: Wer so doof ist, auf Facebook zum Beispiel zu schreiben, dass er nun schon an drei Geldautomaten keine Scheine erhalten hat, ist ja wohl selbst schuld, wenn er künftig keinen weiteren Dispo bekommt. Und wer es witzig findet zu posten, der Vermieter nerve, weil vier Monatsmieten fällig sind, hat auch keinen neuen Mietvertrag verdient.

Denn dies ist das Geschäftsprinzip der Auskunftei mit Sitz in Wiesbaden: Daten sammeln (zumeist aus öffentlichen Quellen) und solchen Unternehmen (gegen Bezahlung) zur Verfügung stellen, die mit Geld oder Produkten in Vorleistung gehen. Ist das verwerflich? Sicher nicht toll, aber im Wirtschaftsleben kaum verzichtbar.

Und wer sich darüber empört, sollte sich mal überlegen, was der feine Facebook-Boss Zuckerberg mit den Daten macht, die ihm seine meist viel zu naiven Anhänger in erschreckender Gutgläubigkeit hinterher schmeißen: sammeln und an Werbekunden verkaufen! Da wird nur Zuckerberg reich (siehe Börsengang); machts die Schufa, wird zumindest ein Kreditgeber, Vermieter, Telefonanbieter vor Zahlungsausfällen geschützt.

Eine andere Social-Media-Spielart will die Hessen-CDU einrichten, quasi ein Weggezogenen-Facebook. Treue Unionsmitglieder, die aktuell nicht in Hessen wohnen, können über das geplante Virtuelle Netzwerk ihre Mitgliedsrechte wahrnehmen. Wenn sie wollen. Wie viele wollen, weiß Generalsekretär Peter Beuth noch nicht. Aber Vorsicht Herr Beuth, bloß keine Bonitätsprofile mittels der gesammelten Daten anlegen!

Sonst kommt ganz sicher der nächste Shitstorm so nennt die Netzgemeinde heutzutage einen Sturm der Entrüstung. Oder Blechschmidt vom Koalitionspartner meldet sich wieder: Virtuelle Netzwerk-Schnüffelei darf nicht Realität werden. Was schlimmer ist, muss die CDU selbst wissen…

Die Union ist aber auch sonst so was von netzaffin, fast schon piratiger als die Piraten. Zur Fußball-EM bietet die Hessen-CDU ein Tippspiel auf ihrer Homepage an. Erster Preis: ein Stadionbesuch bei der Frankfurter Eintracht mit Ministerpräsident Volker Bouffier.

Das mag vielleicht schon teilweise die Frage der Jusos beantworten, die jüngst die Redaktionen erreichte: Was macht eigentlich Volker Bouffier? Na, beispielsweise zur Eintracht gehen!

Oder er ermuntert. Wen? Zu was? Die Landesbediensteten zur Teilnahme am JP-Morgan-Lauf in Frankfurt. 700 Mitarbeiter aus über 50 Dienststellen wie Ministerien, Regierungspräsidien, Gerichten, Finanzämtern, Staatlichen Schulämtern und weiteren hessischen Behörden gehen laut Staatskanzlei am Donnerstag auf die knapp sechs Kilometer lange Strecke. Hoffentlich hat man an dem Tag keinen wichtigen Behörden-Termin. Wäre keiner da.

Ja, was macht Bouffier nun? Mitlaufen wird er nicht! Dafür Boris Rhein, wohl selbstverständlich für einen Sportminister, oder?

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 13. Juni 2012

 

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