Meine wilde (Hessen-) Welt

„Meine wilde Welt“ sangen einst „Die Ärzte“ und dachten dabei offensichtlich ganz global. Mit den bescheideneren Ansprüchen einer Landespolitikerin will nun Umweltministerin Priska Hinz ein „Wildes Hessen“. Was mag das sein? Noch mehr Zoff im Parlament?

Nein, es geht dabei mehr so um Wildwuchs.

So schmissig „Wildes Hessen“ ja zunächst klingt, so kleinkariert hört sich dies dann im Behördendeutsch an: Laut Umweltministerium geht es dabei um „kleinräumige Verwilderungsprozesse im eigenen Garten, im Dorf oder in der Stadt“. Oder anders – dann doch etwas plastischer ausgedrückt –, geht es darum, dass jeder eingeladen ist, eine „wilde Ecke“ im Garten, Balkon oder auf dem Grundstück entstehen zu lassen oder eine naturbelassene Ecke im Dorf oder in der Stadt zu entdecken“. „Schon wenige Quadratmeter nicht gemähter Rasen im Garten, ein Brache-Stück oder ein blütenreicher Ackerrain führen zu einer sichtbaren Zunahme der Artenvielfalt“, erklärt dazu Ministerin Hinz.

Also, ganz sicher begrüßen wird das wohl der Feldhase. Denn der wird laut Nabu Hessen immer seltener und steht deshalb auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Zunächst mal der Hinweis: So lange Meister Lampe nicht auf der Grünen Liste von Priska Hinz steht, wird sich da zunächst nichts weiter tun. Denn bekanntlich hat es die Grünen-Ministerin ja derzeit nicht so mit den Roten.
Und wer setzt dem Feldhasen nun so zu? Zunächst mal die Tatsache, dass jedes Jahr 3000 Hasen geschossen werden, beklagt der Nabu, aber auch der „massive Einsatz von Dünger und Pestiziden, der zunehmende Verlust an Lebensraum durch Bebauung und Zerstückelung der Landschaft“. So, und jetzt wissen Sie auch, warum der Rammler und seine Häsin „kleinräumige Verwilderungsprozesse“ und „wilde Ecken“ toll finden werden.

Und dann werden sicher auch bald der erste Wolf, der erste Luchs, der erste Biber und der erste Goldschakal wieder ihren Auftritt haben im „Brachen-Stück oder blütenreichen Ackerrain“. Wird das schön! Und die Ministern schmettert dann ganz bestimmt bald fröhlich „Meine wilde Hessen-Welt“!

Aber Vorsicht, so warnt die verbraucherpolitische Sprecherin von der Roten Liste der SPD, Angelika Löber: „Popsongs ersetzen keine Nachhaltigkeitspolitik.“ Gut, damit meint sie jetzt irgendwas mit „CO2-neutraler Landesverwaltung“ (du meine Güte!), aber das Schaffen wilder Ecken für mehr Artenvielfalt ist doch auch irgendwie nachhaltig.

Na, Löber jedenfalls verweist auf „drei von der Landesregierung geförderte Popsongs zum Thema Nachhaltigkeit“. Sehen Sie es mir nach, liebe Leser, ich habe mir diese „Popsongs“ jetzt nicht angehört, die träfen sicher nicht so meinen Musikgeschmack. Aber es bedürfe eben „mehr als populistischer Hilfen aus der Schlagerwelt“, stellt sie klar – zum Beispiel bei der Förderung der Elektromobilität könne wesentlich mehr getan werden.

Jaja, die Elektromobilität. Kommt ja irgendwie nicht so recht in Fahrt, oder? Das lässt sich auch gerade bei der IAA in Frankfurt beobachten. Wo staunen die meisten Besucher? Beim geräuschlosen Elektrowägelchen oder bei den schnittigen Sportkarossen mit den kurvigen Hostessen und langbeinigen Models?
Yeah, meine wilde Welt!

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 23. September 2015

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