Luther und die Kürbisse

Wir schreiben heute zwar schon den 4. November, ich muss aber an dieser Stelle unbedingt noch einmal auf den 31. Oktober zurückkommen. Der vergangene Samstag war nämlich ein denkwürdiger Tag. Oder wäre vielmehr ein denkwürdiger Tag gewesen, wenn nicht der allgegenwärtige Kommerz die eigentliche Denkwürdigkeit des 31. Oktobers verdrängt hätte. So sieht es nämlich Holger Bellino, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion.

Denn eigentlich sei doch der 31. Oktober der Reformationstag, just an diesem Tag im Jahr 1517 habe Martin Luther seine 95 Thesen an das Portal der Wittenberger Schlosskirche geschlagen, erinnert Bellino. Was letztendlich zur Abspaltung der Evangelischen Kirche von der Römisch-Katholischen Kirche geführt habe, merkt der evangelische Landtagsabgeordnete aus Neu-Anspach an.

Und heute? Überall nur noch Kürbisse und Halloween-Partys, ärgert sich Bellino, an Reformator Luther denke keiner mehr – „insbesondere junge Menschen“ nicht, die mit dem 31. Oktober lediglich Halloween verbänden. Dabei sei dieser Spuk doch „nicht Teil unserer geschichtlichen Tradition und vornehmlich von kommerziellen Interessen getragen“.

Während die anderen Parteien dies offensichtlich nicht weiter juckt, sind die Christdemokraten – das „C“ im Namen gebietet dies ja auch schon! – da wesentlich sensibler. Vor zwei Jahren warnte bereits Bellinos Parteifreund Axel Wintermeyer, „der Halloween-Hype darf nicht die Geschichte und Tradition des Reformationstags verdrängen“.

Halloween gehöre nicht zu unserer geschichtlichen Tradition, so der Staatskanzleichef in seiner Rolle als Landesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU Hessen. Sondern ein „,Feiertag‘, der nur getrieben von wirtschaftlichen Interessen sowie durch US-amerikanische Fernsehserien hierzulande größere Bekanntheit erfährt“.

Als Christdemokrat appelliere Bellino deshalb an staatliche Einrichtungen und die Medien, „kulturhistorische Ereignisse wie den Reformationstag im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten“. Gut, für die Adresse „Medien“ habe ich hiermit meinen Teil erledigt.

So, und dann endete am Samstag, 31. Oktober dieses Jahres, auch die Bundesratspräsidentschaft Hessens und des Ministerpräsidenten Volker Bouffier. CDU-Generalsekretär Manfred Pentz feierte seinen Landesvorsitzenden überschwänglich. Hören Sie sich das doch bitte mal an: „Volker Bouffier hat eine hervorragende Arbeit als Bundesratspräsident geleistet. Durch seinen präsidialen und integrativen Stil hat er sowohl Deutschland als auch Hessen vorbildlich repräsentiert und zudem maßgeblich an der Fortentwicklung unserer außenpolitischen Beziehungen teilgehabt.“

Oha, ist da vielleicht doch mehr dran, an dem von der ARD in die Runde geworfenen Gerücht, Bouffier wolle Gauck als Bundespräsident beerben, das Regierungssprecher Michael Bußer damals sofort als „Quatsch“ abgetan hatte?

„Grenzen überwinden“ lautete bekanntlich das Motto der hessischen Ratspräsidentschaft anlässlich 25 Jahren deutscher Einheit. Eine diesbezügliche Forderung aus Wendezeiten, dokumentiert in der Gedenkstätte Berliner Mauer, hat Grenzüberwinder Bouffier dann aber doch nicht erfüllen können: „Visafrei bis Hawaii!“

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 4. November 2015

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