Kein Titel ohne Hymne?

Ja, was macht denn die AfD da? Nimmt sich just kurz vor der Europameisterschaft unsere Fußball-Nationalmannschaft vor, um ihre ausländerfeindlichen Parolen unters Volk zu bringen. Erst Partei-Vize Alexander Gauland, der unterstellte, „die Leute“ wollten den dunkelhäutigen Nationalspieler Jérôme Boateng nicht als Nachbar haben, dann die Vorsitzende Frauke Petry, die beklagte, dass der türkischstämmige Mesut Özil nicht die Nationalhymne mitsinge. Und schwups, Kalkül aufgegangen, die Political-Correctness-Jünger und die „Lügenpresse“ empören sich wieder über die sogenannte Alternative für Deutschland. Dabei ist es gar nicht so lange her, da hat das Singen der Nationalhymne, besser gesagt das Nicht-Singen eben jener, auch hier zu schrillen Tönen geführt.

Losgetreten von Volker Bouffier, damals noch hessischer Innenminister. Die deutschen Kicker waren gerade bei der EM 2012 im Halbfinale gegen Italien ausgeschieden, da brach sich die Enttäuschung auf sehr schräge Art Bahn. Weil Kicker mit Migrationshintergrund wie Podolski, Khedira oder Özil die deutsche Nationalhymne nicht mitsängen, könne es ja eh nichts werden mit dem Titelgewinn, so der Tenor mehrerer diffuser Einlassungen aus Unionskreisen.

„Es sollte zum guten Ton gehören, dass die Spieler die Hymne mitsingen. Sie spielen schließlich für die deutsche Nationalmannschaft und nicht für sich selbst! Peinlich genug, dass wir darüber diskutieren müssen, eigentlich müssten die Spieler von selbst darauf kommen!“, sagte Bouffier der – na, wem wohl? – klar, der „Bild“-Zeitung, dem Fachblatt für dumpfen Populismus.

Ja, das war Volker Bouffier im Juli 2012! Assistiert vom bayerischen Amtskollegen Joachim Herrmann von der CSU mit der apodiktischen Forderung, zum Länderspiel und zur Nationalmannschaft gehöre die Nationalhymne: „Wer dazu keine Lust hat, sollte in seinem Verein bleiben.“

Damals gab es in Hessen auch noch eine Oppositionspartei im Landtag namens Grüne, die sich zu jener Zeit keine Gelegenheit nehmen ließ, sich am „schwarzen Sheriff“ Bouffier abzuarbeiten. Mangels erfolgreicher Projekte in Hessen versuche Bouffier nun abzulenken, gifteten die Grünen. „Die Entscheidung, ob ein Spieler die Hymne singt oder nicht, liegt einzig und allein bei ihm. Und diese Entscheidung ist zu respektieren“, verkündete seinerzeit deren sogenannter sportpolitischer Sprecher Daniel Mack.

Mack, bei der Wahl 2013 ins Abseits geraten, sprich nicht mehr in den Landtag eingezogen, analysierte damals messerscharf, Erfolg bei einer Fußball-EM hänge nicht vom Singen der Hymne ab. Die siegreichen Spanier hätten schließlich auch nicht gesungen – die spanische Hymne habe nämlich gar keinen Text.

Von Spanien also Siegen lernen? Die Sozialdemokraten scheinen dies zu glauben. Deren Landtagsfraktion ist vergangene Woche für fünf Tage nach Sevilla gereist – vom hiesigen Regen in die Sonne Andalusiens. Politische Gespräche, Informationsaustausch und so, berichtet der Parlamentarische Geschäftsführer Günter Rudolph. Und einen Sieger haben die Sozis auch gekürt: Thorsten Schäfer-Gümbel wurde als Fraktionsvorsitzender wiedergewählt.

Ob er zuvor die Nationalhymne oder die Internationale gesungen hat, ist nicht überliefert.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 8. Juni 2016

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