Jung, CDU und Arzt

Das Schuljahr hat zwar gerade erst begonnen, doch die Junge Union in Hessen macht sich jetzt schon Gedanken über das, was nach der Schule kommen könnte. Nämlich ein Medizinstudium, möglicherweise. Das muss ich jetzt mal in aller Vorsicht sagen, denn bekanntlich ist solch ein Studienplatz in etwa so schwer zu erreichen wie ein zeitnaher Termin beim Facharzt. Wobei zweite Variante ja laut Arztverbänden und ähnlichen Institutionen besser geworden sein soll.

Anders die Chance, einen Studienplatz für Medizin zu bekommen: 1,0 – so steht sie eisern als Auswahlgrenze in den Statuten der sogenannten Stiftung für Hochschulzulassung, die Abinote.

Eins-komma-null, ja das muss man erst mal schaffen! Haha, wissen Sie jetzt, warum ich Redakteur geworden bin und nicht Ophthalmologe oder Pneumologe? Gut, tut jetzt nichts zur Sache . . .

In Hessen schafften das dieses Jahr nur 1,6 Prozent der Abiturienten, berichtet Kultusminister Alexander Lorz. Sprich, 419 von 26 359 Prüflingen. Der große Rest dümpelt mit einer landesweiten Durchschnittsquote von 2,43 so dahin im Fahrwasser derer, die nicht an den Gestaden einer Medizinfakultät anlanden konnten. Und nun Mathematiker, Chemiker, Ingenieur oder Philosoph werden. Oder Redakteur.

Das kann so nicht bleiben, fordert deshalb Pauline Gutmann, die bei der Jungen Union Hessen den schönen Titel „Referentin für Gesundheit und Verbraucherschutz im JU-Landesvorstand“ trägt. Ist denn ein Arzt eigentlich auch ein „Referent für Gesundheit“?

Also soll nach dem Willen der Jungunionisten die Studienplatzvergabe im Fach Medizin verändert werden. Weniger Abiturnote, dafür mehr Fokus auf soziales Engagement, medizinische Berufserfahrung und psychosoziale Kompetenzen bei der Bewerberauswahl. Beispielsweise sollte langjähriges ehrenamtliches Engagement in Einrichtungen, die einen Dienst am Menschen leisten, wie beispielsweise Rettungsdienst oder Katastrophenschutz, stärker berücksichtigt werden, fordert die JU.

Wissen Sie was, liebe Leser? Das halte ich wirklich mal für eine richtig gute Idee! Außerdem ist es nach Ansicht der JU dringend notwendig, angesichts des „akuten Ärztemangels“ die Anzahl der Medizinstudienplätze signifikant zu erhöhen.

Damit bedient die Junge Union wohl auch ein bisschen die eigene Klientel. Denn den wackeren Jungunionisten zieht es ja meist eher ins Medizin- oder Jurastudium als in eine Karriere als, sagen wir mal, Sozialpädagoge oder Umwelt-Ingenieur. Meine vorauseilende Entschuldigung an jeden christdemokratischen Sozialarbeiter, aber ein paar Klischees müssen an dieser Stelle einfach gepflegt werden!

Ärzte gehören ja auch zur klassischen Klientel der FDP. Deshalb fordert wohl auch deren Generalsekretärin in Hessen, Bettina Stark-Watzinger, „es muss das Ziel der hessischen Bildungspolitik sein, dass unsere Schulen zum Ort der weltbesten Bildung werden“. Wow, unter „weltbesten“ macht es die Hessen-FDP nicht mehr! Das klingt gefährlich nach der Erwachsenen-CDU, die Hessen früher vergeblich zum „Bildungsland Nummer 1“ machen wollte.

Aber ist doch klar: Wenn alle hessischen Abiturienten einen Einser-Schnitt haben, so ist das vermutlich auch statistisch die weltbeste Bildung. Alle dürfen dann Arzt werden und die FDP hat wieder ein paar Wähler.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 9. September 2015

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