In kurzen Strichen

Dass er Langeweile bekommen könnte während der gerade angelaufenen Legislaturperiode, hat Ministerpräsident Volker Bouffier wohl ohnehin nicht geglaubt. Jetzt weiß er ganz sicher, dass es nicht so sein wird: Der Privatsender FFH hat seine Hörer befragt, was die Hessen sich von der neuen Landesregierung wünschen. Offenbar eine ganze Menge, mehr als 200 Hörerwünsche haben die Radiomacher gesammelt und in Buchform gebunden.

„Eine tolle Idee“, meinte Bouffier bei der Übergabe des Pflichtenheftes – des zweiten schon, wohlgemerkt, auf Rang 1 der Sachbuchliste liegt natürlich der 106-seitige Koalitionsvertrag. Er nehme das sehr ernst, was die Leute da schreiben, so der Landesvater, „das geht ja quer durch den Gemüsegarten, und es sind manchmal eher kleinere Dinge und auch ganz große“. Also sowohl Radieschen als auch Kürbisse in diesem Gemüsegarten? Für den stylishen, also fotooptimalen Gang durchs Geläuf empfehlen Modemagazine derzeit Gummistiefel einer englischen Marke, die demnach auch Prinz Charles trägt. Als selbiger von Hessen ist Bouffier ja lange verspottet worden, auch von den Grünen. Die sagen jetzt aber nicht mehr Charles, sondern „Chef“.

Aber zurück zu den Hörer-Wünschen des selbst ernannten „Hit Radios“. „Man wird nicht alles erfüllen können“, deutet Bouffier schon vorsichtig an. Aber auch egal, so sinniert der Ministerpräsident sinngemäß weiter, „das Wichtigste ist eigentlich, dass man sehr nah bei den Menschen bleibt“. Den Spruch kennen wir doch, oder? „Nah bei die Leit“ wollte auch immer der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck. Der steht inzwischen wohl auch in Gummistiefeln im Gemüsegarten in der Pfalz.

Nicht Wünsche an, sondern für den Ministerpräsidenten haben die Linken. Sie wünschen ihm „eine pfiffige Redenschreiberin oder einen pfiffigen Redenschreiber“, dem der Satz „In der Kürze liegt die Würze“ bekannt ist. Ja, warum das denn bitte?

Schon klar. Wenn der Ministerpräsident „in kurzen Strichen“, wie er selbst zu sagen beliebt, die Welt erklärt, dann ducken sich in Wiesbaden alle angsterfüllt weg – auch seine treuen Christdemokraten! So bestand auch Bouffiers Regierungserklärung in der vorigen Woche angesichts doppelt so langer Redezeit als vorgesehen weniger aus kurzen Strichen, sondern eher aus langen Linien.

Von daher ist auch der Wunsch der Linken für einen Redenschreiber (der übrigens tatsächlich gesucht wird: „Referentin/Referent ,Reden des Ministerpräsidenten‘ in der Abteilung Information“) mit Talent für die gewürzte Kürze gefährlich für den potenziellen Stelleninhaber. Bouffier räumt ja durchaus gelegentlich ein, dass „meine Lust am Erklären für das Publikum etwas anstrengend ist“. Gleichzeitig betont er aber auch stets, wie gerne er dies trotzdem tut. Wenn nun also der neue Redenschreiber so eine richtig knackig-kurze Rede liefern würde – ja, der arme Mensch würde doch auf keinen Fall die Probezeit überstehen!

Kurz halten sollte sich Bouffier wenigstens am Samstag im Biebricher Schloss. Zur traditionellen närrischen Zeit von 11.11 Uhr – duffdäh – empfängt der Ministerpräsident „Tollitäten aus ganz Hessen“, Prinzenpaare, Prinzen und Prinzessinnen aus
411 hessischen Karnevalsvereinen. Wenn er die alle ausführlich begrüßen wollte, ach du lieber Gott Jokus! Da geht nur ein knackiges „Wünsche fröhliche Kampagne, Helau und Alaaf!“, sonst ist Aschermittwoch, bis er durch ist.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 12. Februar 2014

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