Ich will nicht nach Berlin

Während es das hippe junge Volk scharenweise in die Bundeshauptstadt zieht, entzieht sich die Frankfurterin Janine Wissler dem Berlin-Hype: Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag will nicht in den Bundestag wechseln. Das hat sie am Wochenende auf deren Parteitag verkündet. Für die glänzende Rednerin mit ungewohnt hölzernen Worten: Wenn die Partei das wolle, werde sie bei der Landtagswahl in zwei Jahren wieder als Spitzenkandidatin antreten. Und ob die Partei das wollte – oder vielmehr wollen musste: Ohne Wissler, das darf man ohne Weiteres sagen, stünden die Chancen der Linken, 2018 erneut in den Landtag einzuziehen, um einiges schlechter.

Der Sucht nach dem Umzug in die Metropole hat die großartige deutsche Rockband „Kraftklub“ bereits einen kraftvollen Widerspruch entgegengesetzt: „Ich will nicht nach Berlin!“, lautet ein Songtitel, „auch wenn da alle meine Freunde sind“. Die Freunde, Wisslers Parteifreunde der Bundes-Linken, hätten die 35-Jährige durchaus gerne in Berlin gesehen. Aber nein, sie will nicht. Stattdessen will sie ihren „Beitrag zu einem Politikwechsel in Hessen leisten“. Na, dann mal los.

Einige Jahre vor „Kraftklub“ hatte die weit weniger bekannt gewordene Band „Angelika Express“ auch schon den Berlin-Hype auf dem Kieker, wenngleich sie ihr Lied genau entgegengesetzt betitelte: „Geh doch nach Berlin, wohin deine Freunde ziehn“.

Genau das hat sich die CDU-Landtagsabgeordnete Bettina Wiesmann vorgenommen und jetzt vermutlich auch das Ticket dorthin gelöst. Die 50-Jährige will ihren Arbeitsplatz vom Landtag in den Bundestag verlegen und hat überraschenderweise in der unionsinternen Abstimmung in Frankfurt den von den Parteigrößen zuvor ausgekungelten Bewerber aus dem Rennen geworfen.

In Berlin bleiben will einer, der lange in Gießen gewohnt hat: Frank-Walter Steinmeier. Er will nur umziehen: Vom Auswärtigen Amt ins Schloss Bellevue. Er würde dabei auch einen neuen Titel bekommen: Bundespräsident statt Außenminister. Und das schafft einer, der an der Uni Gießen studiert hat! „Die Justus-Liebig-Universität ist stolz auf ihren Alumnus Steinmeier, der sich seiner Alma Mater sehr verbunden zeigt“, so die freudige Mitteilung der Hochschule.

Gefreut hat sich auch sein Parteifreund, Hessens SPD-Landesvorsitzender Thorsten Schäfer-Gümbel. Steinmeier sei „zweifellos der geeignetste Kandidat“. Und weil die Union in Berlin ja nun zähneknirschend die Kandidatur des SPD-Mannes unterstützt, hat auch Hessens CDU-Fraktionsvorsitzender Michael Boddenberg sofort mitgeteilt, Steinmeier sei für das Amt des Bundespräsidenten „eine gute Wahl“.

Das sieht seine Nachwuchsabteilung allerdings anders. Stefan Heck, Vorsitzender der Jungen Union in Hessen, nölte, wer das deutsch-amerikanische Verhältnis beschädige und gleichzeitig nach Moskau schiele, könne die Aufgabe des deutschen Staatsoberhaupts nicht angemessen wahrnehmen. Weil Steinmeier nämlich Donald Trump als Hassprediger bezeichnet und ihm nicht zum Wahlsieg gratuliert habe und stattdessen „seit Wochen auf Schmusekurs mit Wladimir Putin“ sei.

Vielleicht sollten die Herren Boddenberg und Heck mal miteinander reden. Ist aber nicht so einfach. Boddenberg ist in Wiesbaden und Heck schon länger im Bundestag – in Berlin.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 16. November 2016

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