Hessen im Lotto-Rausch

90 Millionen liegen im Eurojackpot! 90 Millionen Euro – schon wieder, vorigen Freitag hat niemand den Rekordtopf knacken können. Jetzt kommt’s noch besser: Weil 90 Millionen als Obergrenze bei Gründung dieser im März 2012 gestarteten Lotterie festgelegt wurden, sind die Gelder aus der letzten Ziehung in die Gewinnklasse 2 gewandert: Dort warten auch schon wieder 22 Millionen.

Und jetzt raten Sie mal, wer am eifrigsten Lose kauft? Na, die Hessen! Ausgerechnet die reichen Hessen, könnte man sich wundern. Die aus dem Bundesland, das jedes Jahr zuverlässig ordentlich in einen anderen Topf einzahlt – nämlich in den Länderfinanzausgleich.

Vielleicht wollen sich die so geschröpften Hessen das Geld dann eben wieder über das Glücksspiel hereinholen. In keinem anderen Bundesland jedenfalls war der statistische Pro-Kopf-Einsatz höher als hierzulande, meldet die fleißige Pressestelle von Lotto Hessen. Jeder Hesse hat demnach im Schnitt 80 Cent eingesetzt, der Bundesdurchschnitt habe bei 50 Cent gelegen. 80 Cent? Ist das alles? Ich habe am Freitag gleich 10,50 Euro gewettet – und nix gewonnen . . .

Für den „Frankfurter Raum“ spricht die Lottogesellschaft gar von einem „Boom“. Von den zehn Top-Verkaufsstellen für die Freitagsziehung hätten fünf in Frankfurt und je eine in Dreieich, Offenbach, Diethölztal, Wächtersbach und Wiesbaden gelegen. Ob es die Wiesbadener jetzt so gerne hören, dass sie in den „Frankfurter Raum“ eingemeindet werden? Vielleicht ginge gerade noch so eine „Metropolregion“, um die sich ja zahlreiche Politiker bemühen.

Sei’s drum. Auf jeden Fall bewahrheitet sich beim Eurojackpot die alte Weisheit, wer wagt gewinnt. Zwei der höchsten Gewinnsummen in dieser in 16 europäischen Ländern ausgespielten Lotterie gingen ausgerechnet – nach Hessen. Im Dezember vorigen Jahres räumte ein Handwerker aus dem Rhein-Main-Gebiet fast 59 Millionen Euro ab, und im April 2013 knackte ein weiterer Hesse 46 Millionen Euro.

Aber auch am Freitag gingen ein paar ganz nette Sümmchen nach Hessen. Jeweils 302 864,90 Euro flossen in der Gewinnklasse 3 an einen Spieler in Gießen und an ein Tipper-Duo aus dem Main-Kinzig-Kreis. Auch schon schön, oder?

Aber gar 90 Millionen!

Wissen Sie eigentlich, wer der Aufsichtsratsvorsitzende der im Landesbesitz befindlichen Lotterie-Treuhandgesellschaft mbH Hessen ist? Finanzminister Thomas Schäfer. Ausgerechnet! Aber wissen sie auch, dass der oberste Kassenwart keinen Cent sieht, sollten Sie, liebe Leser, die vielen Milliönchen gewinnen?

Über die abgeführte Lotteriesteuer beim Kauf des Loses ist die Steuerschuld bereits abgegolten, die Lottogesellschaft überweist jeden Cent der Gewinnsumme auf Ihr Konto. Nur wenn Sie das Geld auf der Bank beließen, würde der Fiskus auf die Zinserträge per Kapitalertragssteuer zugreifen. Und selbst bei mickrigen 0,5 Prozent wären das bei 90 Millionen 450 000 Euro Zinsen.

Nicht gerade das große Los gezogen hat wohl Ex-Ministerpräsident Roland Koch beim Baukonzern Bilfinger. Oder Bilfinger mit ihm als Chef. Nach mehreren Gewinnwarnungen verließ Koch das Mannheimer Unternehmen im August vorigen Jahres im „gegenseitigen Einvernehmen“, wie es dann immer so niedlich heißt.

Am Freitag wurde jetzt bei der Hauptversammlung mit der Amtszeit Kochs brutalstmöglich abgerechnet. „Das Grauen hat ein Gesicht und das heißt Roland Koch“, fluchte ein Vertreter der Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz. Zwei Milliarden Euro Vermögen habe er in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender versenkt.

Grauenvoll, oder? Zwei Milliarden. Was sind da 90 Millionen?

Entschuldigen Sie mich jetzt aber bitte, ich hole mir trotzdem schnell einen Lottoschein!

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 13. Mai 2015

 

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