Der Spion, der Hessen liebte

 

Bei dieser E-Mail jüngst aus dem Umweltministerium an meine Adresse haben sicher bei den Geheimdiensten unserer befreundeten Nationen USA und Großbritannien sofort alle Alarmglocken geschrillt: Mit Bienen auf Sprengstoffsuche. Sprengstoff, klingelingeling, da sind sofort sämtliche Warnlämpchen und Stichwortüberwachungsmaschinen angesprungen, die NSA-Spitzel im fernen Fort Meade wurden ganz hektisch, erste Navy-Seals-Einheiten haben sich in Erbenheim einsatzbereit gemacht, um wahlweise im Wiesbadener Umweltministerium oder im Frankfurter Redaktionsgebäude zuzuschlagen, oder besser noch in beiden Terrorzellen gleichzeitig. Mit viel Glück hätten die wackeren US-Marines gerade noch rechtzeitig gemerkt, dass die des Terrorismus eigentlich unverdächtige Umweltministerin Lucia Puttrich lediglich von einem Besuch an der Uni Gießen berichtete, wo feinfühlige Bienen sich für die Suche nach Drogen- und Sprengstoff (klingelingeling!) trainieren lassen.

Unsere Schnarchnasen in den Innenministerien in Land und Bund hätten auch von diesem Einsatz wie üblich gar nichts mitbekommen. Haben Sie jüngst unseren Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich im Bundestag zur Datenschnüffelei gehört? Ja, er wisse halt auch nichts, stammelte der Mann, der es wissen sollte, am Rednerpult – und musste sich dafür viel Spott anhören.

Ausgerechnet diesem gut informierten Herrn Friedrich hat am Montag Hessens Innenminister Boris Rhein einen Brief geschrieben und um Informationen gebeten. Haha. Und überhaupt, sollten sich nachrichtendienstlich gesteuerte Lauschangriffe auch gegen Einrichtungen wie Internetknotenpunkte in Hessen richten, so muss dies sofort gestoppt werden, verlangte Rhein. Damit wäre der Innenministerkollege Friedrich dann aber endgültig überfordert.

Jetzt regen sich mit leichter Verspätung ja auch die hessischen Politiker über die Schnüffelei aus den USA und England auf. Die Grünen zum Beispiel verlangen vom hiesigen Innenminister Aufklärung (der ja aber erst nach Berlin schreiben muss), die FDP findet die immer neuen Erkenntnisse über das weitreichende Ausmaß der Abhörmaßnahmen erschütternd und bestürzend. Die Linke fordert, dieser Abhörskandal muss Konsequenzen haben, die Landesregierung solle gefälligst alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Hintergründe aufzuklären. Tut sie ja, Regierungsmitglied Rhein mit seinem Brief, na, Sie wissen schon…

Von der CDU befand Ministerpräsident Volker Bouffier höchstselbst, es ist auch klar: unter Freunden darf man nicht so miteinander umgehen.

Die SPD teilte vorsorglich mit, dass sie die in weiten Teilen der Bevölkerung entstandene Empörung darüber, dass die Bundesrepublik Deutschland offenbar als einziger europäischer Staat besonders intensiv von Abhörmaßnahmen betroffen sei, teile. Fehlt nur noch, dass Parteichef Thorsten Schäfer-Gümbel auf die Schnelle noch einen Spionageabwehr-Schattenminister aus dem Hut zaubert. Vielleicht mal jemanden aus Kroatien, die sind ja jetzt auch in der EU – eine Italienerin hat der Möchtegern-Ministerpräsident ja gerade für sein Team angeheuert.

Ein guter Tag für Europa, stellte Europaminister Jörg-Uwe Hahn übrigens am Montag anlässlich der Aufnahme des 28. EU-Mitglieds vom Balkan fest. Für Europa vielleicht, aber ganz sicher nicht für Meerholz!

Der Gelnhäuser Stadtteil war bis Sonntag noch der geografische Mittelpunkt der Europäischen Union und damit richtig wichtig. Durch den Beitritt der Kroaten dürfte das Zentrum jetzt weiter nach Südosten abrutschen, vielleicht sogar ganz aus Deutschland herausfallen. Die Erdkundler rechnen noch.

Vielleicht sind dann aber wenigstens die US-Geheimdienste nicht mehr ganz so doll auf Deutschland fixiert, wenn der Nabel der EU-Welt plötzlich woanders liegt.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 3. Juli 2013

 

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