Der sitzende Minister

Ein Landtagsabgeordneter – und ein Minister erst recht – fährt ja immer mal wieder gerne zurück in seinen Heimatwahlkreis. Bevorzugt, um frohe Kunde aus Wiesbaden zu überbringen, bestenfalls sogar Geld. So auch Finanzminister Thomas Schäfer, den es im November nach Marburg gezogen hatte, um eine Solarstromanlage auf dem Marburger Campus Lahnberge einzuweihen. Was Politiker eben so tun. Doch dieser Besuch sollte ein Nachspiel haben!

Die FDP, erneuerbaren Energien gegenüber ja bekanntlich kritisch eingestellt, entsandte ihren Abgeordneten Jörg-Uwe Hahn, um diesen Besuch Schäfers in Sachen Sonnenenergie mal so richtig energisch zu beleuchten. Also wollte Hahn vom CDU-Minister über eine sogenannte Kleine Anfrage im Landtag unter anderem wissen, was denn die Anlage gekostet und wer sie bezahlt habe. Ich erspare Ihnen Details, liebe Leser.

Interessanter ist folgendes: Da es sich bei der Photovoltaikanlage ja um erneuerbare Energie handelt, müsste doch wohl auch das berüchtigte Kohlenstoffdioxid, das bei der Verbrennung fossiler Energieträger entsteht, eingespart worden sein, spekulierte man offenbar bei der FDP und fragte dies ebenfalls ab. Um den Minister dann in einer letzten Frage vermeintlich vorzuführen: „Wie viel CO2 hat der Minister durch seine Fahrt vom Haushaltsausschuss in Wiesbaden nach Marburg zur Einweihung der PV-Anlage ausgestoßen?“

Der Minister? Oder wollte Hahn wohl eher wissen, wie viel CO2 die Ministerlimousine ausgestoßen hat?

Nun, die Ministerialbeamten beantworteten exakt das, was gefragt war. Ganz exakt: Der persönliche CO2-Ausstoß eines Menschen hänge in besonderer Weise mit der persönlichen Belastung zusammen, klärten sie zunächst auf. Gemäß einem CO2-Rechner im Internet sei pro Stunde mit Werten zwischen 19 und 233 Gramm zu rechnen und genau eine Stunde habe die Reise von Wiesbaden nach Marburg laut Fahrtenbuch gedauert. Da das Mitfahren im Dienstfahrzeug in aller Regel zu geringen körperlichen Belastungen führe, sei von einem Wert im unteren Bereich der Skala auszugehen. Hört, hört!

Hochleistungssportler, so sei in besagter Quelle nachzulesen, hätten zudem einen wesentlich höheren Grundumsatz und damit eine schlechtere Klimabilanz als sitzende Minister, deren letztes intensives Handballtraining ein paar Jahre her sei, dozierten die Witzbolde im Ministerium weiter. Auch das spreche für einen eher geringen CO2-Ausstoß. (Aufklärung am Rande: Schäfer war früher Handballtorwart.)

Pointe aus Schäfers Haus: „Im Übrigen sei der Hinweis gestattet, dass der Minister auch andernorts geatmet hätte und dass demnach die Einweihung der PV-Anlage zu keinem erhöhten persönlichen CO2-Ausstoß geführt hat.“ Touché!

Nun, wenn Schäfer den armen Hahn schon auflaufen lässt, kann ich ja vielleicht weiterhelfen. Dafür ist die Presse doch da. Laut der Dienstwagenliste für die Landesminister aus dem Hause Deutsche Umwelthilfe fuhr Schäfer 2016 einen Audi A8 3.0 TDI L quattro mit einem CO2-Ausstoß von 155 Gramm pro Kilometer. Die gefahrene Strecke dürfte einfach etwa 120 Kilometer betragen – also, die Taschenrechner raus!

Wie viel Kohlendioxid der Wutausbruch des Abgeordneten Hahn angesichts der frechen Antwort Schäfers produziert hat, ist allerdings nicht bekannt.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 8. Februar 2017

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: