Der Seher

Im Januar vorigen Jahres wagte Tarek Al-Wazir beim Neujahrsempfang der Grünen-Landtagsfraktion einen verwegenen Blick in die Zukunft. Deshalb wage ich nach dem Besuch desselben in diesem Jahr mal einen Blick in die Vergangenheit. Geradezu visionär erscheint in der Nachbetrachtung die Rede des damaligen Fraktionsvorsitzenden.

Im Januar 2013 also formulierte Al-Wazir seinen Wunschtraum für das Neujahrstreffen im Januar 2014: „Es ist der Empfang einer Regierungsfraktion.“ Respekt, Herr Al-Wazir, da scheint das Wünsch-Dir-Was ja offenbar funktioniert zu haben! Naja, zum Teil wenigstens. Denn dass der Koalitionspartner eigentlich anders heißen sollte, gehört auch zur Wahrheit. Es gebe also eine neue Landesregierung – „sagen wir mal mit der SPD“ – in der starke Grüne eine maßgebliche Rolle spielten, so die Al-Wazir’sche Vorschau.

Eine Rolle spielen die Grünen nun zweifelsohne in der mittlerweile geschmiedeten Regierungsfraktion, aber – und jetzt kommen die Einschränkungen – zunächst einmal zusammen mit der CDU, und ob es eine starke Rolle ist, das muss sich erstens noch erweisen, und ist zweitens nach dem Stimmenverlust von knapp 14 auf 11 Prozent mal mindestens schwächer als geplant.

Hessen würde im neuen Koalitionsvertrag Ernst machen mit der Energiewende, träumte Al-Wazir vor Jahresfrist, Windräder stünden an den ergiebigsten Stellen und die Solarenergie würde nicht mehr verteufelt.

Na gut, von „Windkraftmonstern“ redet heute in der Union tunlichst keiner mehr, obwohl früher gerne seitens der CDU das Horrorbild gemalt wurde, die Rotoren ragten ja höher auf als der Limburger Dom. Dort weht im Übrigen auch gerade ein rauer Wind, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Schulkampf in Hessen möge nach 40 Jahren beendet sein, und die Schulpolitik dem Elternwillen folgen und nicht dem Willen von Alfred Dregger von 1964, lauteten weitere Wünsche Al-Wazirs vor einem Jahr.

Putzig geradezu, dass sich die Grünen in ihren Verhandlungen mit der CDU nun zum Teil ausgerechnet im Alfred-Dregger-Haus – der Parteizentrale der hessischen Union in Wiesbaden, benannt nach dem konservativen Landesvorsitzenden von 1967 bis 1982 – getroffen haben. Aber sonst? Volltreffer! „Schulfrieden erreichen“ ist eigens ein Kapitel im schwarz-grünen Koalitionsvertrag betitelt, und der Elternwille ist nun maßgeblich, ob die Kinder G8- oder G9-Abitur machen.

Frankfurter Nächte wären nicht kürzer, hatte Al-Wazir mit Blick auf den Flughafen weiterhin orakelt, auch in Frankfurt möge die Nachtruhe wie überall sonst von 22 bis 6 währen. So, das hat jetzt mal überhaupt nicht geklappt, von acht Stunden Nachtflugverbot ist keine Rede mehr, bestenfalls von einer ominösen siebenstündigen Lärmpause, deren Umsetzung vollkommen unklar ist.

Der Schöpfer all dieser Visionen war beim Empfang Ende vergangener Woche leider nicht für ein Resumee zu haben. Von einem schweren Virus heimgesucht, musste Al-Wazir das Bett hüten, wie sein Nachfolger im Fraktionsvorsitz Mathias Wagner kundtat. Den habe ihm sicher sein FDP-Vorgänger im Wirtschaftsministerium Florian Rentsch beim Amtswechsel hinterlassen, argwöhnte Wagner.

Ja, den heimtückischen Virus, den hat Al-Wazir damals nicht vorausgesehen…

Wagners Visionen sind übrigens weitaus bescheidener: „Wenn wir 2015 beim Neujahrsempfang zurückblicken, wird schon was erkennbar sein.“ So in Richtung grüner Politik und so. Sehen wir mal weiter, nächstes Jahr!

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 29. Januar 2014

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