Bürgerlich mit Binder

Na, waren sie letzte Woche auch in Bursa? Ich nicht, und damit war ich wohl der Einzige. Erst machte sich Ministerpräsident Volker Bouffier mitsamt Gattin und 50 weiteren wichtigen Menschen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auf den Weg in die türkische Partnerregion. Einen Tag später folgte die CDU-Fraktion, nochmals mit einem 70-köpfigen Troß. Der zwischenmenschlichen Begegnungen wegen, sagt die Fraktion. Und natürlich der wirtschaftlichen Beziehungen wegen. Denn die südlich von Istanbul am Marmarameer gelegene Provinz Bursa gilt als zweitreichste der Türkei. Dumm also, dass man nicht nur Bursa in die EU aufnehmen kann, denn die ganze Türkei will Bouffier weiterhin nicht drin haben. Damit sei die Europäische Union überfordert, der Schuldenkrise wegen.

Nach der Reise in die Ferne folgte gestern unmittelbar die Reise in die Vergangenheit. „Die erste bürgerliche Koalition in Hessen vor 25 Jahren“ lautete die Einladung zu einem sogenannten Zeitzeugengespräch im Landtag. Aha, da feiern CDU und FDP ihren damaligen Sieg mit Walter Wallmann über den SPD-Ministerpräsidenten Holger Börner und den grünen Turnschuh-Minister Joschka Fischer, so der spontane Eindruck. Doch nein, Einladende war die Staatskanzlei. Warum organisiert diese Veranstaltung die Landesregierung, begehrte daraufhin der SPD-Abgeordnete Günter Rudolph zu wissen, und nicht die damaligen Koalitionsparteien?

Die Frage kann man in der Tat stellen, die Zeitzeugen der damals im Landtag vertretenen Parteien zeigten sich in der Rückschau in Stil und Ton allerdings weitgehend versöhnlich. Nur dass er als SPD-Mann nicht auch bürgerlich sein solle, wollte Paul Leo Giani, damals Chef der Staatskanzlei, partout nicht akzeptieren.

Vielleicht ist bürgerlich ja über das Tragen einer Krawatte zu definieren? Die Vertreter ebendieser Koalition, der damalige CDU-Umweltminister Karlheinz Weimar, Wolfgang Gerhardt von der FDP, damals Vize-Ministerpräsident, und Wallmanns früherer Büroleiter Helmut Müller, jetzt CDU-Oberbürgermeister in Wiesbaden, erschienen alle mit Binder. Giani und Bernd Messinger, ehemals Vizepräsident des Landtags, saßen dagegen entspannt mit offenen Hemdkragen auf dem Podium.

Und dann waren da ja nicht die Turnschuhe! Messinger, so wurde erinnert, habe ja mit Lederjacke bekleidet eine Landtagssitzung geleitet, mit Lederjacke! Messinger war zudem für einen der besten Sprüche des Abends gut: Es habe damals nur einen strukturkonservativeren Verband gegeben als die nordhessische CDU – die nordhessische SPD.

Günter Rudolph auf jeden Fall – Mitglied dieser ominösen nordhessischen SPD – sorgt dafür, dass der Abend ein parlamentarisches Nachspiel hat. Wie denn die schwarz-gelbe Landesregierung vor zwei Jahren des 25. Jubiläums der bundesweit ersten rot-grünen Landesregierung gedacht habe, will der Genosse nun per Kleiner Anfrage wissen.

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 25. April 2012

 

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