Ach, sind wir liberal!

Salve, nuqneH und Gude allerseits! Willkommen zu meiner heutigen Kolumne, von der ich hoffe, dass es CDU-Generalsekretär Peter Tauber auch egal ist, ob sie in Lateinisch, Klingonisch oder Hessisch abgefasst ist. Sie erinnern sich? Mit derart liberalem Geist hatte der Christdemokrat den CSU-Vorschlag abgekanzelt, Ausländer sollten zu Hause doch bitteschön auch Deutsch reden.

Lateinisch und Hessisch – das dürfte allenthalben bekannt sein, aber Klingonisch? Ist wohl nicht jedermann geläufig, deshalb hier eine schnelle Aufklärung: Bei den Klingonen handelt es sich um eine wilde, finster dreinblickende Kriegerrasse aus dem Star-Trek-Universum. Für die grobschlächtigen Gesellen erfanden die Macher des Raumschiffs Enterprise sogar eine eigene Sprache: Klingonisch. Und irgendwie passt zu dieser Spezies auch sehr gut die barsche Begrüßung „nuqneH“, was so viel heißt wie „Was willst Du?“. Ein waschechter „Trekkie“ also, unser Generalsekretär aus Gelnhausen. Na dann, „nuqneH“ nach Berlin, Herr Tauber!

Ganz und gar liberal zeigen sich unsere hessischen CDU-Größen ja auch beim Burka-Verbot, über das auf dem CDU-Bundesparteitag in Köln abgestimmt werden sollte. Auf Antrag der Frankfurter Union.

Irgendwie verkehrte Welt, was? Früher hieß es immer, die weltoffene, urbane Frankfurter CDU und dagegen der stockkonservative Landesverband der Hessen-Union.

Jetzt wollen die Frankfurter Christdemokraten also den Ganzkörperschleier in der Öffentlichkeit verbieten – und was sagt Parteichef Volker Bouffier dazu? Er halte zwar nichts davon, die Burka hierzulande zu tragen, „aber ich halte auch nichts davon, dass wir das jetzt mit einem Gesetz regeln“.

Bouffiers Generalsekretär Manfred Pentz (der Hessen-CDU wohlgemerkt, quasi der Tauber in klein) warnte, „wir müssen beim Thema Burka aufpassen, dass wir das nicht populistisch diskutieren“. Er könne sich ein Verbot der Ganzkörperschleier noch nicht vorstellen.

Jetzt hör’ sich das einer an! Und der weichgespülte Kurs der Hessen-CDU geht ja weiter. Denken Sie mal an die Wahl von Bodo Ramelow zum ersten Ministerpräsidenten aus den Reihen der Linken in Thüringen. Was haben wir dazu von der hiesigen Union gehört? Nichts? Gut, im Oktober durfte der stellvertretende Landesvorsitzende Patrick Burghardt zu Beginn der rot-rot-grünen Verhandlungen im Nachbarland noch sein „großes Unverständnis“ bekunden. „25 Jahre nach dem Mauerfall marschiert die SPD wieder Seit’ an Seit’ mit SED-Nachfolgern“, verkündete der Rüsselsheimer Oberbürgermeister damals.

Aber als Ramelow dann gewählt wurde? Schweigen bei der CDU. Das hätte es unter Christean Wagner ganz sicher nicht gegeben. Was hätte der frühere Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion losgepoltert, der die Linken stets als wahlweise Post- oder Neokommunisten verteufelte.

Ja, was ist also los in Hessen? Sind die Christdemokraten die neuen Liberalen? Die CDU macht den Job der Fünf-Prozent-FDP gerade mal schnell mit? Die Grünen sind ja bereits als die neuen Konservativen etabliert.

Letztere haben sich immerhin über die Erfurter Abstimmung gefreut. Daniela Wagner und Kai Klose, Hessens Obergrüne, gratulierten artig „den Parteifreunden in Thüringen“. Den Parteifreunden wohlgemerkt, nicht Ramelow.

Obwohl der Bodo doch laut den beiden Linken-Fraktionschefs Janine Wissler und Willi van Ooyen „halber Hesse“ ist. Er habe schließlich viele Jahre in Mittelhessen gelebt und sei dort als Gewerkschaftssekretär tätig gewesen.

Am Montag hat Ministerpräsident Bouffier dann doch noch was zu Ramelow gesagt: Er wolle ihm kollegial entgegentreten, so Bouffier, ganz landesväterlich gütig: „Ich habe die Aufgabe als Bundesratspräsident, ihn in den Bundesrat einzuführen. Ich werde ihn korrekt behandeln.“

Wie schön! Na dann, „nuqneH“ nach Erfurt, Herr Ramelow!

 

Erschienen Frankfurter Neue Presse vom 10. Dezember 2014

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